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Walden

Die Geschichte des Gehens ist eine Laiengeschichte. Sie durchschreitet alle anderen Felder: Anatomie, Anthropologie, Architektur, Gartenkunst, Geografie, politische und Kulturgeschichte, Literatur, Sexualität, Religionswissenschaft. Was geschieht, wenn SCBLM diese Pfade verlässt? Rotkäppchens Wolf folgt?

Das Denken wird in einer produktionsorientierten Kultur gemeinhin als Nichtstun betrachtet, und nichts zu tun ist schwer. Es lässt sich am besten bewerkstelligen, indem man so tut, als täte man etwas, und das Etwas, das dem Nichtstun am nächsten kommt, ist Gehen. Darum machen SCBLM kein Theater und erreichen das Gegenteil. Zu Fuß bleibt alles miteinander verbunden. Walden beschreibt den indirekten Weg eines Flaneurs oder einer sich Verlierenden. Tagträume, Wolkenschauen, Wandern, Kräuter und Bäume bestimmen und Vogelstimmen wiedererkennen.

Das Zufällige, Unkontrollierte erlaubt etwas zu finden, das man gar nicht gesucht hat. Den Ort erkennen wir erst, wenn wir von ihm überrascht werden. Jeder Spaziergänger ist eine Wächterin auf Patrouille zum Schutz des Unbeschreiblichen. Der Verstand verdichtet sich bei fünf Kilometer die Stunde.

Nach einem etwa einstündigen Waldbaden lassen wir die Schritte schwerer werden und brühen aus den gesammelten Waldfrüchten eine riskante Suppe.

(Hallo, willkommen aufrechter Gang.)

SCBLM nach R. Solnit


Credits

Eine Produktion von Showcase Beat Le Mot mit dem Konzert Theater Bern und Theater Freiburg. In Kooperation mit Schlachthaus Bern. Gefördert durch den Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes.

Idee, Konzept, Umsetzung & Performance: Showcase Beat Le Mot, weitere Performer*innen und künstlerische Mitarbeit: Annina Dullin-Wintschi, Stefan Ebner,Naz Buhsem, Eva Maropoulos, Magdalena Plöchl, Melisa Su Taskiran Assistenz: Myrtha Bonderer, Franziska Burger, René Fußhöller  Produktionsleitung: Olaf Nachtwey


Besprechungen

«Der Wald ist mehr als nur Bäume» Vier Fragen an Showcase Beat Le Mot Gisela Feuz in "Der Bund" vom 5.9.2019

Sie laden das Publikum zum «walden» ein. Heisst das, Sie spielen Theater im Wald?

Nein. Wir suchen in unserer Arbeit nach Wegen, wie wir eine Atmosphäre und ein Bewusstsein für das Publikum kreieren können, damit dieses einen anderen Zugang zu unserer Performance findet. Zuerst gehen wir in den Wald, dann performen wir in den Vidmarhallen. Mit dem Waldbesuch wollen wir sensibilisieren, die Poren öffnen. Wir orientieren uns dabei am japanischen Shinrin Yoku, also dem Waldbaden. Wir lassen das Publikum in die Atmosphäre des Waldes eintauchen und lassen dabei den Wald selber sprechen durch seine Gerüche, Geräusche und das Licht zur blauen Stunde. Schauspiel würde da nur stören. Der Wald steht für sich alleine und bedeutet nichts. Wir hoffen, dass mit dieser Einstimmung auch unserer Kunst die Last des Bedeutungsvollen genommen werden kann und man somit nicht von uns erwartet, dass wir eine Message transportieren. Unsere Kunst soll einfach stattfinden. 

1.5 Stunden Waldspaziergang, anschliessend zweistündige Performance in den Vidmarhallen. Das wird ein langer Theaterabend. 

Ja schon, aber das Projekt ist sehr atmosphärisch angelegt. Das Publikum kann sich frei bewegen, im Raum selber zwischen 10 autarken Performances wechseln oder einfach auch mal rausgehen. Bei den 10 lebenden Installationen wird das Phänomen Wald aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und vertieft. Somit wird der Raum selber zum Wald, durch den man schlendern kann. «Walden» bietet einen weit gefächerter Erlebnisraum, in den man eintauchen, aus dem man aber immer auch wieder auftauchen kann.

Beim Titel denkt man unweigerlich an «Walden» aus dem Jahr 1854, also das Buch von Henry David Thoreau, in welchem der Amerikaner sein zeitweiliges Leben als Aussteiger beschreibt. Diente es als Inspiration für Ihre Performance?

Wir beziehen uns nicht wirklich auf den Roman. Dieser mutet zeitweise etwas besserwisserisch an und heute weiss man, dass Thoreau seine Erfahrung stark stilisiert hat. Dieses «Zurück zur Natur» hat ja auch etwas Reaktionäres. Wir wollen mit unserer Performance nicht behaupten, dass in der Natur alles besser sei, sondern wir möchten ganz einfach neue Wege erforschen, wie wir unsere Kunst gestalten und dabei das Publikum miteinbeziehen können. Wir wollen den traditionellen Theaterraum verlasse, weg von der Guckkastenbühne. 

Warum ist der Wald denn gerade «in»?

Zum einen ist er aufgrund der aktuellen Klimadebatte medial präsent. Zum anderen hat das Bewusstsein um die heilende Wirkung des Waldes Europa erreicht. Waldbaden ist nachweislich gut für die Gesundheit. Es senkt den Blutdruck und aktiviert das Immunsystem, um nur zwei Dinge zu nennen. Ausserdem dient der Wald auch als Projektionsfläche für eine städtische, urbane Bevölkerung, welche die Natur verklärt. Für uns als Theaterschaffende ist der Wald zudem als politischer und historischer Raum spannend. Hexen wurden dem Wald zugeordnet und italienische Briganten agierten partisanenmässig aus diesem heraus. Wald ist also so viel mehr als einfach nur Bäume.