deutsch | english
Die Weltmeere bedecken zwei Drittel der Erdoberfläche und diese Gewässer
sind gesetzloser Raum. Wenn man genug hat von all den Wahrheiten an Land,
wird man Pirat. Auf See wartet ein Schiff voller Testosteron, noch mehr
Gewalt und der Tod. Bewegung bedeutete früher Unsichtbarkeit. Heute gibt es
andere Mittel. Aber wenn Piraten auftauchen, bleibt es unvergeßlich.
Einer steckt in der Kiste, die der andere gebaut hat. Zwei präparieren die
Windkanonen mit billigem Schmuck. Ein anderer wählt Kostüme aus und spielt
Klavier. Dank der langen Jahre auf See können jetzt alle sehr gut Menuett
tanzen, und hey Babies, es ist Showtime und wir machen die ganz große Kiste
auf: Blutbad und zurück, was fängt die Besatzung mit einer Ladung
Seidenstrümpfe an, wozu Gold und Juwelen sonst noch gut sind, wenn man
zuviel davon hat.

"Piraten" ist ein Stück, daß die überlieferten Werte, Gleichgewichte und
Polaritäten von Politik und Theater in die andere Richtung dreht. Dabei geht
das Stück aber nicht zwangsläufig den klarsten und einfachsten Weg. Piraten
ist ein Stück auf dem Unterdeck eines Schiffes geschrieben. Es gibt kaum
Strom an Bord und die Stimmung ist Dunkel, ungeordnet, fast zufällig.
Das Prinzip "Piraten" dient an manchen Stellen der Entzifferung der erneut
ausgerufenen "zivilisierten Welt". Um die Ordnung der westlichen Welt noch
sichtbarer zu machen, müssen die verworrenen Gewalttaten, Leidenschaften,
die Haß- und Wutausbrüche, der Groll und die Bitterkeit ebenso Geltung
beanspruchen wie die dunklen Zufälle und alle kleinen Umstände, die zu
Niederlagen und Siegen führen.
"Die See steht mit gutem Geruch um das Schiff. Sie müssen außerhalb der
Terretorialgrenzen sein, inmitten einer größeren Freiheit."


Showcase Beat Le Mot präsentieren keine autonomen Werke, sondern schreiben
Fortsetzungen, die nach dem Prinzip der Konstanz und Variation
funktionieren. Immer mehr denken Showcase Beat Le Mot in großen Schritten
und machen Pläne. So wird jede Produktion zur Erfüllung eines lang gehegten
Wunsches, und zur Operation in einer Serie von Ereignissen, die sich nach
bestimmten nicht formulierten, nicht formulierbaren Prinzipien fortbewegt:

Auf die ausufernde Raumzeit und die vorbehaltlose Präsenz von "RADAR RADAR
nichts ist egal" (1998) folgte die darstellerische Reduktion von "Grand
Slam" (1999), in einem Mega-Space, der einer riesigen Installation gleicht.
Dann die Hermetik des Bunker-Projekts: die schwitzige Nähe und die hieraus
erwachsende, zwangsläufige Privatheit von "Burn Cities Burn" (2000).
Zwischen den Installationen "Jäger" (EXPO 2000/Hannover und Steirischer
Herbst/Graz) und "Parcours Microbe" (Fondation Cartier de l‚art
contemporain/Paris), fand im Herbst 2000 die bislang erste und einzige
Begegnung mit der wirklichen Welt des Pop statt (Produktion des Musikvideos
"Summe der einzelnen Teile" mit der Band Kante aus Hamburg).

Jetzt die explosionsartige Ausbreitung. In einer globalisierten Bewegung
verteilen wir uns über den Planeten, befahren die sieben Weltmeere, raubend,
mordend, um dann die Beute zusammenzutragen und nach der Hektik des Kampfes
erst einmal in Ruhe zu betrachten.
SHOWCASE BEAT LE MOT : PIRATEN ist als work-in-progress für die Jahre 2000,
2001, 2002 angelegt. Eine erste Performance wurde im Mai/Juni 2001 in
Zusammenarbeit mit dem von Krahl Theater in Tallinn/Estland und dem Goethe
Institut/Tallinn dort gezeigt ("Die Ratten verlassen das sinkende Schiff und
in Tschechows Kirchgarten fallen leise die Blüten.", Eesti Ekspress,
02.06.2001). Im September gab es eine Wiederaufnahme der dortigen Produktion
am von Krahl Theater in Tallinn.
Für das Jahr 2002 ist eine dritte Produktionsphase geplant, in der die
Produktionen mit den Performern aus Estland und Berlin zusammengeführt
werden.

Die Berliner Produktion PIRATEN ist die autonome Bühnenversion der zweiten
Produktionsphase. Grundlagen der Produktion in Tallinn waren historisches
Material und dessen romantisierte Echos in den gegenwärtigen Vorstellungen
von Piraten.
Diese Auseinandersetzung mit dem Thema findet in der Berliner Performance
einen noch zeichenhaften Niederschlag. Inhaltlich bewegt sich die Produktion
auf einer abstrakteren Ebene: Tristesse und Brutalität des Lebens als
Gesetzloser auf See, wie und warum wird man Pirat - damals wie heute. Gibt
es eine Fortsetzung der Kunst mit anderen Mitteln? Gekapert wurde dafür
reichlich, u.a. bei J.S. Bach, Missy Elliott, Klapa Lucica, W.A. Mozart, Stina Nordenstam,
der Peking Oper...
Die Texte sind von showcase beat le mot, Don DeLillo und Alan Moore.

Showcase Beat Le Mot wurde 1997 gegründet als Zusammenschluß unabhängiger
Künstler mit Arbeitsschwerpunkten in verschiedenen Bereichen.

Showcase Beat Le Mot sind:
Nicola Duric (HH), Thorsten Eibeler (HH), Florian Feigl (B), Dariusz Kostyra
(BS), Veit Sprenger (B).