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Lange haben wir unter der Erde gelebt, bei Kunstlicht, in schwarz angemalten Probebühnen, Galerien und Kunstkellern. Jetzt endlich kriechen wir ans Licht, gezeichnet von Vitamin-D-Mangel, Skorbut und Haarausfall, um an den Gestaden der Spree das Theater des Tages zu bauen, einen Dom aus Pflanzen und Licht, der sich von Sonne ernährt, als neue Heimat für das künstlerische Subproletariat. Lügengeschichten, Zeitreisen, Ausdruckstanz und Psychomagie, Parallelwelten, Sektpyramiden, Theater für Tiere und Pflanzen, Schlachtengemälde, Geschichtsklitterung, Paralleluniversen und Superschurken: das ganze abgefeimte Kunstgesindel wird über Euch hereinbrechen und sich auflösen wie eine Brausetablette in der Spree.

DRAMA EINER ZUKUNFT
Heute gehen wir ins Theater. Immer diese langweiligen alten Stücke oder diese postmodischen Sachen ohne Geschichten oder diese Theateraufführungen, die gar nichts aufführen, sondern Besserverdiener wie Butterfahrer durch interessante Sozialromantik karren. Ist das das Theater der Zukunft?

Am 2.10. wird der Ding Dong Dom feierlich eröffnet. Das Publikum trifft sich im HAU1 und wird nach kurzer Einweisung per Spreedampfer-Zeitmaschine in unser Paralleluniversum auf dem Holzmarktgelände verschickt. Dort beobachten die Zeitreisenden vom Schiff aus in einem bildhaften Clash of Cultures die Entstehung und den Niedergang des postmodernen Menschen, bevor sie anlanden und gemeinsam mit uns das neue Theater in Besitz nehmen.

Ding Dong Dom – Das Theater der Zukunft ist eine Produktion von SCBLM, in Koproduktion mit dem Holzmarkt und dem HAU Hebbel am Ufer, gefördert durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin - Senatskanzlei - kulturelle Angelegenheiten und den Haupstadtkulturfonds.

Mit freundlicher, großer Unterstützung durch Gerüstbau Tisch und den Architekten Köbberling/Kaltwasser.

Kunst kommt von Jenseits von Kunst

Das Theaterbauprojekt DING DONG DOM von Showcase Beat le Mot

Berthold Brecht befand sich immer auf der Seite der Schwachen und Unterdrückten, darum war die folgende Frage, die er stellte eine rhetorische: „Was ist schon das Ausrauben einer Bank gegenüber der Gründung einer Bank?“ In Anlehnung an diesen antikapitalistischen Twist fragt nun die Theatergruppe Showcase Beat Le Mot, was ist schon die Erarbeitung eines Theaterstücks gegenüber dem Neubau eines Theaters. Der Twist liegt hierbei natürlich ganz woanders. Denn was passiert, nach über 15 Jahren im Theaterzirkus? Wie fühlt man sich, nach monatelangen Proben in abgedunkelten Räumen und dem nervenzehrenden Touren durch die deutsche Provinz? Richtig: Abgewrackt und durchgefuckt. Darum lag die Entscheidung nicht fern, statt mit dem nicht gerade üppigen Geld der Zweijahresförderung des Berliner Sentas keine neuen Stücke in die Welt rauszuhauen, sondern ein eigenes, temporäres Theater zu bauen und zu betreuen.
Das Projekt der Mediaspree, also das Bauen von teueren Repräsentationskosten entlang der Spree ist mit dem Finanzcrash 2008 in der Gischt des Stadtflusses versunken, und so war der Weg frei für eine kulturelle Nutzung des ehemaligen Bar 25 -Geländes. Dort wo Anfang des 21. Jahrhunderts die Ausgehboheme Berlins ihre endlosen AftershowPartys feierten und den Hit „Drei Tage wach“ anstimmten, entsteht nun ein Areal mit Konzertbühnen, Galerien, Ateliers, einer Kita, einer Whiskybar, einem Club aus Holz und Wohnmöglichkeiten für urbane Drifter und städtische Schrauber. Und eben auch ein temporärer Theaterbau.
In der Anfangszeit Ihrer Theaterarbeit haben Showcase Beat Le Mot Ihre Aufgabe darin gesehen, nicht unbedingt stringente Theaterstücke auf die Bühne zu bringen, sondern sich wie Gastgeber zu verhalten. Ihr erstes Stück im alten historischen Hörsaal der Universität Gießen „Der Ball fliegt Lautlos“ war eher eine lose Ansammlung von Angeboten an das Publikum. Das Stück startete schon am späten nachmittag, es gab Essen und viel Musik, einen Wettbewerb des erotischen Drehbuchs, Blindenfußball, Massagemöglichkeiten, eine Touchbox aus Karton und vieles mehr. Gemeinsam spendete man Blut um damit eine Karte des damaligen Jugoswlawienkonflikts zu zeichnen.
Das Stück entsandt aus einer Unzufriedenheit gegenüber der langjährig angewachsenen Entmündigung des Zuschauers. Das Publikum war von den selbsternannten Superintellektuellen der Ära Payman, Stein,...nur noch zum Konsumenten ihrer Geniehaften Ergüsse geworden, die imaginäre vierte Wand war zu einer realen geworden, die nur noch das Zuschauen durch ein Schlüsselloch ermöglichte. Darum mochten Showcase Beat Le Mot auch Konzerte viel lieber als Theater, weil das Publikum auf jeden neuen Song reagieren und antworten konnte, weil Getränke und Zigaretten erlaubt waren, wie früher im Theater Brechts und Piscators oder wie im japanischen NO Theater oder der Peking Oper. Dieses Gefühl einen Raum gemeinsam zu bespielen wollten Showcase Beat Le Mot wieder für das Theater einführen um so gemeinsam mit dem Publikum zu einer lebendigen sozialen Plastik zu werden.
Im Jahre 2014 sind SCBLM zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Gemeinsam mit dem Künstler und Architekten Martin Kaltwasser, bauen sie aus Fundholz und alten Fenstern von Berlins Baustellen ein temporäres Theater, das die Sonne reinlässt. „Ding Dong“ heißt es, weil dieses Lied die Zwerge anstimmen, nachdem Dorothy aus der rotierenden Bewegung eines Tornados mit Ihrem Haus direkt auf der bösen Fee des Westens gelandet ist. Und „Dom“ ist das osteuropäische Wort für Zuhause. Der Ding Dong Dom ist das erste Theater aus dem ganz unmethaporisch der Blick nach draußen geworfen werden kann. Dort wo das wirkliche Leben spielt. Echt jetzt.