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Das Märchen von den "Bremer Stadtmusikanten" ist die schönste Geschichte, die jemals über eine Gemeinschaft der Schwachen erzählt worden ist.
Die Erzählung folgt dramaturgisch der Struktur eines Road-Movies. Im Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ brechen vier ausgemusterte Haustiere auf – ein Esel, der zu schwach ist, noch die schweren Mehlsäcke zu tragen, eine Katze, die keine Mäuse mehr fangen kann, ein Hund, der nicht mehr schnell rennen kann, um Eindringlinge zu vertreiben und ein Hahn, der für den Suppentopf bestimmt wurde – um ihr Leben zu retten, das ihnen von ihren menschlichen Besitzern weggenommen werden soll.
Wir haben es zu tun mit vier klassischen Sympathieträgern der Moderne, mit vier verkrachten Existenzen, die nicht mehr gehorchen wollen, wenn es ihnen ans Leder geht, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, denn "etwas Beseres als den Tod findest Du überall".
Die Tiere haben sich das ganze Leben lang danach gesehnt, einmal, so wie die Menschen, ihre Herren, in einem richtigen Bett zu schlafen, mit weißer, frisch gewaschener Bettwäsche, weichen Federdecken und Gesundheitsmatratze. An einem Tisch zu essen und eine Serviette zu benutzen. Einen Fußabstreifer mit der Aufschrift „I-AAA!“ vor der Tür liegen zu haben, den man vor Betreten der guten Stube auch benutzt... Aber bald merken die Tiere, dass sie gar nicht in der Lage sind, mit ihren Hufen, Pfoten, Krallen und Klauen die kleinen Knöpfe am Herd zu bedienen und Messer und Gabel zu halten. Auch das Bettzeug ist unbequem, und die Benutzung der Toilette erweist sich als völlig unmöglich. So wird nach und nach der eroberte Zivilisationsraum hinausbefördert. Statt dessen wird der Schlafplatz mit Moosen und Gräsern ausgelegt, an die Stelle des Tisches wird eine Mulde in den Boden gegraben, das Stroh aus der Matratze wird verzehrt, Fenster und Türen im Interesse der besseren Belüftung entfernt. Allmählich verwandelt sich der Kunstraum Haus wieder in eine natürliche Umgebung, in der sich die Tiere wohl fühlen.
Die vier Tiere der "Bremer Stadtmusikanten" ähneln jenen Tiermonstern, Misch und- Fabelwesen wie man sie seit den prähistorischen Zeichnungen in den Höhlen von La Marche, in Religionen, Riten und Kulten findet. Sie ähneln Schamanen, die sich auf ihren Reisen ins Jenseits in die Gestalt ihres Totemtiers verwandeln und von tiergestaltigen Schutzgeistern begleitet werden. In ihnen vermischt sich Kultur und Natur, reibt sich die Zivilisation an der Wildnis.
Zugleich tangiert die Erzählung unsere Gruppe ganz unmittelbar. Die Idee einer verschworenen Gemeinschaft, die sich gegen die Widrigkeiten des Lebens stellt und die sich in einer Profession behaupten, die sie nie ganz beherrschen werden, das ist der Stoff aus dem Showcase Beat le Mot gemacht ist.
Die Bremer Stadtmusikanten ist eine Produktion von THEATER AN DER PARKAUE - Junges Staatstheater Berlin und SHOWCASE BEAT LE MOT. In Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt und dschungelWien - Theaterhaus für ein junges Publikum. Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfond.

Regie, Performance, Raum, Kostüme: Showcase Beat le Mot
Musik: Andreas Dorau
Choreografie: Minako Seki, Showcase Beat le Mot
Bauten: Atia Trofimoff, Christian Wenzel
Produktionsleitung: Olaf Nachtwey