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Das Leben der Cäsaren

Ein Bühnenstück von showcase beat le mot in Zusammenarbeit mit dem Theater der Bulgarischen Armee in Sofia
Und die Verfassung des Himmels ähnelt in ihrer Erscheinung dem Werk, das wir vorhaben - höchst blutig, feurig und höchst schrecklich. Shakespeare, "Julius Cäsar"

Seit 1997 ist die fünfköpfige Theatergruppe showcase beat le mot (Berlin/Hamburg) mit Performances und Kunstaktionen in Europa auf Tour. Ihre größeren Theaterproduktionen waren: "Der Ball fliegt lautlos" (1997), "RADAR RADAR nichts ist egal" (1998), "Grand Slam" (1999), "BURN CITIES BURN" (2000), "Der Reigen" (Schauspielhaus Hamburg, 2001)
Im Mai 2001 werden showcase beat le mot mit dem von Krahl-Theater in Tallinn, Estland, die Inszenierung "Piraten" erarbeiten.
Im Frühjahr 2002 werden showcase beat le mot einer Einladung des Theaters der Bulgarischen Armee in Sofia folgen, um dort mit acht Schauspielern und einer Militärkapelle eine eigene Fassung von Shakespeares Historiendrama "Das Leben der Cäsaren" einzustudieren. Mitko Todorov, Intendant des Theaters der Bulgarischen Armee, hat zugesagt, die Probenhonorare für die Schauspieler, die Material- und Herstellungskosten für Bühnenbild und Kostüme sowie alle weiteren Sachkosten während der achtwöchigen Probenzeit in Sofia zu übernehmen. Die Koproduktion wurde initiiert von der zukünftigen künstlerischen Leitung der internationalen Kulturfabrik Hamburg, die sich zum Abschluss ihrer ersten Spielzeit dem Themenschwerpunkt "Theater und Militär" widmet. Eingeladen sind außerdem Produktionen von Walid Raad, Irwin, Laibach, Matjaz Berger, Sioned Huws, Vanessa Beecraft, Soc. Raffaello Sanzio und Stanilas Nordey.
Das Theater der Bulgarischen Armee wurde 1950 als ein professionelles Repertoiretheater gegründet, das vom Verteidigungsministerium subventioniert wurde. Seit Anfang 2000 ist das Theater eine Einrichtung des Bulgarischen Kulturministeriums. Das Repertoire des Theaters verbindet die Höhepunkte des klassischen bulgarischen Dramas mit herausragenden Werken der dramatischen Weltliteratur - in 50 Jahren wurden 259 Produktionen erarbeitet. Das Schauspiel-Ensemble ist berühmt für seine, die Generationen übergreifende Virtuosität. Viele Mitglieder des Ensembles sind nationale Schauspielstars, die durch ihre Auftritte in Film, Fernsehen und in der Musikbranche große Popularität genießen. Aus diesem Grund bekommen sie viele Angebote, mit bekannten Regisseuren aus aller Welt zu arbeiten. Unter anderem traten sie mit Inszenierungen von Andrzej Waida, L. Warparchovski, I. Heifetz, L. Wichodil, D. Borovski auf internationalen Festivals auf. Das Theater gastierte in Russland (Moskau, St. Petersburg), Deutschland (Berlin, Bonn, Mannheim), Mexiko (Guanajuato), Spanien (Almagro, Valladolid, Zaragoza) Kanada (Quebec), Mazedonien (Ohrid, Skopje, Bitola, Prilep), Belgien (Liege), Frankreich (Avignon), Polen (Torun), Israel (Jerusalem), Schweiz (Zürich).

Die Zusammenarbeit zwischen showcase beat le mot und dem Theater der Bulgarischen Armee ist für beide Seiten eine bewusst herbeigeführte künstlerische (Selbst-)Provokation: Ein Performance-Kollektiv trifft auf ein klassisch ausgebildetes Ensemble und führt Regie in einem elisabethanischen Klassiker.
Die Aufführung wird mehrsprachig sein: deutsch, bulgarisch, englisch.
Für das Stück wird eine Klangcollage komponiert, zu der die Militärkapelle (die Musiker werden ebenfalls als Protagonisten eingesetzt) live spielt. Das gesamte Ensemble wird dazu militärische Choreographien einstudieren.

DIE GRUNDSITUATION

Im Zentrum von "Julius Cäsar" steht die Frage des Tyrannenmordes, die an den beiden Protagonisten festgemacht wird, dem streng ideologischen und etwas trockenen Republikaner Brutus, der aus seiner Redlichkeit und Wahrheitsliebe heraus den Show-Aspekt der Politik völlig vernachlässigt und arglos politische Fehler begeht, und dem glamourösen Despoten Julius Cäsar, dessen Herrschaft sich in spektakulären Triumphzügen und klug inszenierten Massenveranstaltungen vollzieht. Nach Cäsars Tod wird dieser Krieg, der ein gemeiner, hinterlistiger Krieg ist, zwischen Brutus und Marc Anton weitergeführt - ein Krieg der Rhetoriker, den der Vertreter Cäsars gewinnt.
Macht, Ökonomie und politische Bedingungen für Kriege haben showcase beat le mot schon immer beschäftigt. Nun wird anhand Plutarchs Kaiser-Biographien im allgemeinen und Julius Cäsars Leben im speziellen eine theatrale Situation geschaffen, die die Entstehung Europas rekonstruiert. Rom gilt hier als politisches Modell für das heutige Europa. "Denn es ist Cäsar, dessen großer Schatten der ganze Erdkreis sein wird." (Brecht, Arbeitsjournal)

LINK INS 20. JAHRHUNDERT

Die Geschichte des Krieges war immer auch eine Geschichte der verschlüsselten Botschaften. Als Histiaos seinem Schwiegersohn, dem Tyrannen Aristagoras, eine Nachricht zukommen lassen wollte, ließ er seinen treuesten Sklaven scheren, tätowierte ihm die Nachricht auf den nackten Schädel und wartete, bis das Haar nachgewachsen war. Dann schickte er ihn zu Aristagoras, mit der Anweisung, ihm die Haare zu schneiden. Auf Histiaos' kahlen Sklaven folgte Polybios mit seinem Zahlenquadrat, dann kam Cäsars Brief an Cicero, bei dem a als d chiffriert wurde, b als e, c als f und so weiter.
Am Ende des zweiten Weltkriegs war maßgeblich ein Dechiffrierungszentrum in der englischen Ortschaft Bletchley verantwortlich. Dort arbeiteten Mathematiker, Kryptologen, Künstler, Linguisten und Germanisten an der Entschlüsselung der Geheimschriftmaschine der deutschen Wehrmacht, der Enigma.
showcase beat le mot verlegen im Laufe des Stückes Rom nach Bletchley Park. Die Aufgabe der Kaiser wird es sein, die Bundeslade, die der Legende nach von den Römern aus dem Tempel von Jerusalem an einen geheimen Ort verschleppt wurde, zu öffnen und das Geheimnis ihres Inhalts zu lüften. Die Bundeslade gilt als Symbol und Instrument für die Weltherrschaft, nach der die Cäsaren streben.

DAS DENKENDE BÜHNENBILD

Um die verschlüsselten Botschaften der Enigma zu lesen, nahmen die Engländer einen mechanischen Computer zur Hilfe, dessen Grundmodell der polnische Geheimdienst konstruiert hatte und der "die Bombe" genannt wurde. showcase beat le mot möchten eine "Bombe" nachbauen. Das zentrale Bühnenelement wird eine multifunktionale Theatermaschine sein, mit deren Hilfe die Kaiser versuchen, die Bundeslade zu öffnen. Die "Bombe" ist jedoch gleichzeitig ein Lügendetektor, eine Riesenorgel und ein Filmprojektor.
Die Bundeslade wird ihre eigenen Auftritte haben. Immer wenn die Cäsaren schlafen oder beschäftigt sind, wird sie Feuer spucken, einen enormen Schneesturm in sich aufnehmen oder singen.
Unter den Zuschauersitzen befinden sich farbige Sitzkissen. An einer Stelle des Abends werden sie gebeten, diese in die Höhe zu halten. Mit einer Kamera abgefilmt, wird sich daraus ein wunderschönes Mosaikbild ergeben. Es soll eine Atmosphäre entstehen, die an ein antikes Amphitheater oder ein modernes Sportstadion erinnert und den Zuschauern das Gefühl gibt, die Situation mitzugestalten - ein letzter verzweifelter Vorstoß der Demokratie.

EPILOG

"Das Leben der Cäsaren" wird ein unglaublich blutiges Stück werden. Abweichend von Shakespeares Historiendrama müssen am Schluss alle Beteiligten sterben. Es wird jedoch gleichzeitig ein äußerst humorvoller Abend. Immer wenn die Kaiser mit ihrer Sprachkunst und ihren philosophischen Dialogen nicht weiter kommen, rufen sie nach dem stärksten Mann der Welt, nach Herkules. Er wird erscheinen und langsam das ganze Bühnenbild in Schutt und Asche legen. Denn auch nur ein kleines, übersehenes Detail kann den Ausgang ganzer Kriege beeinflussen, wie schon ein altes Kinderlied erzählt: "Weil ein Nagel fehlte, war das Pferd verloren; weil das Pferd fehlte, war der Reiter verloren; weil der Reiter fehlte, war die Schlacht verloren: weil die Schlacht fehlte, war das Königreich verloren; alles nur, weil ein Hufnagel fehlte..."