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KURIER Bremen ist überall, wo musiziert wird! von HEINZ WAGNER

Mitreißende, spannende, witzige, schräge Version der "Bremer Stadtmusikanten" im Wiener brut
Er kommt anfangs wie eine Art Außerirdischer daher. Antennenhelm auf dem Kopf, Geräusche wie Funksignale aus dem All. Und ist doch nichts anderes als ein alter Esel. Ausrangiert. Er kann nix mehr schleppen. Also doch so was wie außerirdisch, zumindest aussätzig in einer Gesellschaft, wo nur zählt, wer jobbt. Nicht viel anders geht's - eh schon wissen: Hund, Katz, Esel und Hahn.
Ach ja, obwohl sie's nicht glauben, können sie musizieren. Zwar anfangs eher das, was landläufig als "Katzenmusik" abgetan wird, vielleicht ein wenig (verhaltens-)kreativ wirkt, aber immerhin scheinen sie ihren Spaß dran zu finden. Und dann wirkt da "Bremen" irgendwie so wie DsdS. Also auf dorthin. "Simma bald da?", "Dauert's noch lange?", "Ich hab Hunger….!" Sofort fühlen sich alle an (über-)lange Reisen mit Kindern erinnert.
Und natürlich gibt's auch die Hütte der Räuber. Die Grundstory der Hamburger Performancegruppe Showcase Beat Le Mot, die in Kooperation mit dem Berliner Theater an der Parkaue, dem Schauspiel Frankfurt und dem Dschungel Wien diese Version der Bremer Stadtmusikanten" produzierte, orientiert sich an dem kurzen Text des Grimm'schen Märchens. Weniger an jenen Theaterversionen, die das Quartett letztlich doch nach Bremen kommen lassen.
Der Schluss hier ist offen und doch nicht: Bremen ist überall, wo musiziert wird. Also auch an Ort und Stelle. Im Hier und Jetzt spielt auch diese streckenweise vor allem das junge und jüngste Publikum absolut mitreißende Version. ("Ihr singt ja mit, nicht so wie gestern Abend eure Valium-Eltern!")
Instrumentenkonstruktionen der vier Performer/Schauspieler/Musiker/Tänzer sorgen für die ersten Lacher. Die sphärischen Klänge des Esels wurden schon erwähnt. Der Hahn hat unter den Achseln je eine kleine Ziehharmonika, Hund und Katze jeweils auf dem Rücken eine Trommel bzw. E-Gitarre.
Der Rauswurf aus den bisherigen Jobs wird von manchen eher als Chance zur Befreiung gesehen, andere wie der Hund können sich anfangs gar nicht vorstellen, wie's so gehen soll, ganz ohne Befehle und Anordnungen. Der Hahn jammert gar: "Lieber sicher im Suppentopf als in der ständigen Gefahr von Unbekanntem!"
Je länger sie unterwegs sind, desto mehr freunden sie sich mit ihrem neuen Leben an, auch wenn sie angesichts ihres Alters immer wieder auch nahenden möglichen Tod thematisieren.
Und während sie noch nach einiger Zeit, nun sicher, nach Bremen zu wollen, einen Sängerwettstreit anzetteln, um sich als jeweiliger Leadsänger zu präsentieren, entscheiden sie sich danach, eine kollektive Band sein zu wollen: "Wir sind frei/ wir sind vier/deshalb musizieren wir!"
In der Hütte der Räuber - übrigens vom selben Quartett gespielt - träumen sie, verwandeln sich dabei in eine Art Zombie-Vampir-Werwolf-Monster. Vielleicht auch ein gedankliches Vorwegnehmen einer Verwandlung beim Eingang ins Totenreich?
Eins ist jedenfalls sicher: Zumindest für die mitsingenden, mitschwingenden Kids gehören die vier keineswegs zum "alten Eisen".

NACHTKRITIK Vom Hahn, der kein Chicken Nugget sein wollte von Mounia Meiborg

Berlin, 28. März 2010. Das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten passt gut in unsere produktivitätsgesteuerten Tage. Vier Tiere, die zu alt zum Arbeiten sind, sollen von ihren Besitzern ausrangiert und geschlachtet werden. Und das Märchen passt gut in ein Kindertheater: Denn die vier Underdogs denken gar nicht daran sich willenlos ihrem Kochtopf-Schicksal zu ergeben. Gemeinsam laufen sie weg und machen mit anarchischem Eigensinn, worauf sie Lust haben. Es ist eine "Follow your dream"-Parabel über Mut und Kreativität, Zusammenhalt und Eigenverantwortung, die das Prädikat "pädagogisch wertvoll" mehr als verdient hätte.

Die Performance-Gruppe Showcase Beat Le Mot transportiert diese Botschaft ohne erhobenen Zeigerfinger und mit viel spiel- und gesangsfreudigem Klamauk. Nach dem erfolgreichen "Räuber Hotzenplotz" im Jahr 2007 und "Peterchens Mondfahrt" in der vergangenen Spielzeit ist es ihre dritte Arbeit am Theater an der Parkaue, dem staatlichen Kinder- und Jugendtheater Berlins. Als Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt und dem Theaterhaus Dschungel Wien wird das Grimm'sche Märchen zur musicalhaften Making Of-Story einer Band.

Von Rap über Schlager bis hin zur exzentrischen Klangperformance ist in den Darbietungen der vier stilistisch alles dabei. Sogar die 80er Jahre-Synthie-Technoklänge, die die Aufführung durchziehen, eignen sich zum Mitklatschen. SCBLM sind hier stark, weil sie Künstlerstereotype und damit ein bisschen sich selbst parodieren dürfen. Und weil ihre dickschädeligen Underdogs so sympathisch sind und Kindern so etwas wie Identifikation bieten können. Auch dann noch, wenn sie am Schluss an der großen Tafel angekommen sind und singen: "Ich trink' vom guten Räuberwein, ich will kein Chicken Nugget sein."

KULTIVERSUM FRÜHKRITIK von Sophie Diesselhorst

Der Esel nennt sich selbst zuerst. Bei den «Bremer Stadtmusikanten» von Showcase Beat Le Mot gilt das auch für den Hund, für die Katze und für den Hahn. Bei ihren Besitzern sind sie zwar allesamt abgemeldet, doch sobald sie sich zu einer Outsider-Gruppierung zusammengeschlossen haben, um gemeinsam dem Abdecker/der Schrotflinte/dem Suppentopf/dem Vergessen zu entfliehen, beginnt ein fieberhafter Wettstreit der wieder auferstandenen Egos.

Dieser Wettstreit wird natürlich musikalisch ausgetragen – die vier wollen schließlich als «Bremer Stadtmusikanten» reüssieren. «Musik geht so: man zählt bis vier, dann fängt man an», erklärt der Esel. Und los geht es: mittels kunstvoll in ihre Kostüme integrierter Instrumente – der Hahn zum Beispiel trägt einen Mantel, in dessen Achseln zwei Mini-Ziehharmonikas eingenäht sind, die jedes Mal losquietschen, wenn er mit seinen Flügeln schlägt - quäken, jaulen und rumsen die vier gegeneinander an, dass es selbst gestandene Räuber mit der Angst bekommen.

In der nunmehr leer stehenden Räuberhütte nisten sie sich ein – und jammen fröhlich weiter. Der trashige, mit viel Selbstironie, gleichzeitig mit kindgerechter Begeisterung performte Soundtrack zu ihrer Endlos-Party stammt von Andreas Dorau; die Liedtexte entwickeln sich von der viergeteilten Selbstdarstellung zum gemeinsamen Skandieren zivilisatorischer Praktiken: «Wenn es kalt ist, macht man die Heizung an; und wenn es wieder warm wird, macht man sie aus.»

Von nerdigen Einzelgängern werden die vier im Lauf der Geschichte zu einem gutgelaunten Anarcho-Kollektiv. Ihre ursprüngliche Zielsetzung verlieren sie übrigens trotzdem nicht aus den Augen - sie wird einfach angepasst: «Bremen ist da, wo wir sind!»

KUNST & KULTUR / SZ

Das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten passt gut in unsere produktivitätsgesteuerten Tage. Vier Tiere, die zu alt zum Arbeiten sind, sollen von ihren Besitzern ausrangiert und geschlachtet werden. Und das Märchen passt gut in ein Kindertheater: Denn die vier Underdogs denken gar nicht daran sich willenlos ihrem Kochtopf-Schicksal zu ergeben. Gemeinsam laufen sie weg und machen mit anarchischem Eigensinn, worauf sie Lust haben. Es ist eine "Follow your dream"-Parabel über Mut und Kreativität, Zusammenhalt und Eigenverantwortung, die das Prädikat "pädagogisch wertvoll" mehr als verdient hätte. Die Performance-Gruppe Showcase Beat Le Mot transportiert diese Botschaft ohne erhobenen Zeigerfinger und mit viel spiel- und gesangsfreudigem Klamauk.

BERLINER ZEITUNG Wie man den Esel striegelt von Christian Rakow

Ein Esel mit einer Soundantenne auf seinem Motorradhelm und Stoffwürsten am Umhang. Ein Hund, der trotz Schlappmütze stark nach Sherlock Holmes aussieht. Dazu ein gestiefelter Kater mit E-Gitarre auf dem Rücken und ein pfauenbunter Gockel mit Ziehharmonika-Armen. Den Preis für den schrägsten Look haben diese vier Bremer Stadtmusikanten schon mit ihrem ersten Auftritt sicher; den Preis für den schrägsten Gesang greifen sie sogleich ab, wenn ein fulminantes Katzengejammer von Soundtüftlers Gnaden anhebt.

Showcase Beat Le Mot sind also zurück im Theater an der Parkaue. Die Performancegruppe um Nikola Duric, Thorsten Eibler, Dariusz Kostyra und Veit Sprenger hat hier mit ihrem preisgekrönten "Räuber Hotzenplotz" 2007 das Gesicht des modernen Kindertheaters entscheidend mitgeprägt: hintergründig erzählerisch, liebevoll interaktiv und popmusikalisch peppig....

Als Konzert ist diese Inszenierung mitreißend (und ein Konzert ist sie immerhin zu knapp zwei Dritteln der 70-minütigen Aufführungsdauer). Da konkurrieren die vier designierten Stadtmusikanten untereinander um die Rolle des Vorsängers und finden bald heraus: Zusammen ist man besser. Das Tierkollektiv verwandelt Hausmusik in "House Music" und gibt sich rebellisch: "Striegel den Esel nie gegen den Strich!" Überhaupt stehe das "I-A" des Esels für "Irritieren und Amüsieren", was im Prinzip die beiden Grundpfeiler jedes Showcase-Abends sind. So wird das Grimm'sche Märchen locker und vom Herzen weg auf sein anarchisches Potenzial abgeklopft. Denn natürlich spiegelt sich hier die Situation der Künstler selbst: Vier bunte Hunde, die gern mal schräge Vögel und anderes Getier sind, entziehen sich dem großen Suppentopf des Theater-Mainstream und schlagen sich in die Wälder der Freien Szene und des Kindertheaters....

FRANKFURTER RUNDSCHAU Nicht pädagogisch, aber wertvoll von ANNE PETER

Kindertheater ist auch nicht mehr das, was es mal war. Zum Glück. Vorbei sind die Zeiten der erhobenen Zeigefinger. Kindertheater kann längst ganz anders. Dafür steht auch das Berliner Theater an der Parkaue, Deutschlands einziges Staatstheater für Kinder und Jugendliche - und eines der innovativsten Häuser der Hauptstadt.

Theater macht hier zuerst Spaß. "Lust" ist eines der Worte, die Parkaue-Intendant Kay Wuschek am liebsten benutzt, wenn er über das Theater spricht, das er vor viereinhalb Jahren übernommen hat. Er hat Künstler gewonnen, die eigentlich vom Erwachsenentheater kommen, aus der Off-, Performance- und Tanzszene. Manche hat er für die Kinder- und Jugendsparte entdeckt.

Das in der Gießener Theaterwissenschaft geschulte Performance-Kollektiv Showcase Beat Le Mot wurde von der Parkaue für den "Räuber Hotzenplotz" engagiert, der in spießiger Großmutters-Pflaumenkuchen-Welt zur Sympathiefigur wird. Ihre erste Arbeit für Kinder wurde einer ihrer größten Erfolge: mittlerweile mehr als 100 Mal gespielter Dauerbrenner, 2007 ausgezeichnet mit dem Impulse-Preis des Goethe-Instituts.

Der berüchtigte Rauschebartträger ist hier glatt rasiert und trägt ein grün glänzendes Trikot. Überdies stecken er und seine drei Mitperformer zwischen hölzernen Sandwich-Platten und geben die bekannte Geschichte als gymnastisch-künstliches Kasperletheater. Dieses Zeichen-und-Zeige-Spiel wird von Zauber-Nummern und anderem Spektakel aufgeputscht. Ihre Variante der "Bremer Stadtmusikanten", die jetzt Premiere feierte und im November am koproduzierenden Schauspiel Frankfurt zu sehen sein wird, haben die vier Performer als Konzert angelegt.

Das Märchen der altersschwachen, von ihren Menschen-Herren ausgemusterten Tiere wird als bekannt vorausgesetzt und als Emanzipations- und Künstlergeschichte ausfabuliert, in der der Esel kein Fortbewegungsmittel und der Hahn kein Chicken Nugget sein will. Wieder sind schon die phantasievollen Kostüme von großem Schauwert.

Und wie klingt es, wenn die kleinen Zuschauer in Mitsing-Gruppen von Eseln, Hunden, Katzen und Hähnen eingeteilt werden? Kakophonisch. Im Sängerwettstreit rappt der Hund, der eitle Gockel hingegen bietet Einsamkeitsschmalz: "Ich bin so allein in meiner Legebatterie..." Revoluzzer-Potenzial hat erst das gemeinsame Lied. Weh dem, der die Mitglieder dieser Anarcho-Combo gegen den Strich streicheln wollte. Es könnte ihm ergehen wie den Räubern, die erst brustgeschwellt einhermackern und dann zitternd von der Vertreibung aus dem Räuberhaus singen.

Schade nur, dass die bei Showcase übliche Publikumsspeisung ausbleibt. Ins Parkauen-Profil passt die Arbeit dennoch gut. Ist Theater hier doch mehr Entladungsraum als Bildungsanstalt. Gradmesser ist das Publikum, das schnell zeigt, ob etwas funktioniert oder nicht. Die Devise lautet: lieber über- als unterfordern.

Etwas Besseres als den Tod ...

Nichts muss so bleiben, wie es ist: Neue Stücke des Performancekollektivs Showcase Beat Le Mot verhandeln die Revolution, für Erwachsene und für Kinder.
VON ULRICH GUTMAIR, taz, 11.10.2010
...."Die Bremer Stadtmusikanten" ist voller unglaublicher Einfälle, Zitate, Witze und nicht zuletzt Songs aus der Feder Andreas Doraus und anderer. Es ist Kindertheater, in dem sich kein Erwachsener langweilt. Man sieht und hört sich das mit großen Augen und Ohren an und wünscht sich, das Erwachsenentheater wäre öfter so intelligent und profund. Wenn der Hahn singt: "Herr und Knecht, Mensch und Tier / Ich geh auf zwei Beinen genauso wie ihr", dann ist das die Sprache eines Theaters im Geist der Französischen Revolution.
Damit ist es aber nicht getan, und damit geben sich Showcase Beat Le Mot auch nicht zufrieden. Wenn die Tiere am Ende ankündigen, "Das war erst der Anfang / Wir haben uns befreit / Jetzt geht der Tanz erst richtig los / Der Tod hat keine Zeit", dann zeigt sich in den denkbar simpelsten Worten der religiöse Charakter jedes revolutionären Denkens. Die Unterdrückung von Mensch und Tier ist schrecklich und daher abzuschaffen. Der Tod aber ist der größte Skandal.
Und wenn die vier Musikanten über sich sagen, "Die Katze sagt wau / Der Hund macht miau / Der Hahn singt iah / Der Esel ist schon da", dann lernen die Kinder die vielleicht wichtigsten Lektionen. Erstens fängt die Revolution mit dem Denken, also der Sprache an. Zweitens muss auch außerhalb des eigenen Kopfs nichts so bleiben, wie es ist.
Die Performances von Showcase Beat Le Mot formulieren so eine anarchistische Ethik, die der spielerischen Freiheit der Kunst verpflichtet ist. Wenn man für dieses Programm einen Imperativ sucht, dann findet man ihn im so radikal skeptischen wie optimistischen Denken des Kybernetikers Heinz von Foerster. Seine Maxime lautete: "Heinz, handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!" Das ist der krasseste denkbare Gegensatz zur populistischen Logik. Diese will die Möglichkeit echter Wahl nachgerade abschaffen: Jeder Mensch und jedes Ding bekommt durch die populistischen Diskursdespoten einen festen Platz zugewiesen, den er, sie und es gefälligst nicht mehr zu verlassen haben.