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Vasco Boenisch, Süddeutsche Zeitung, Dienstag, den 2.Juli 2013, S.12

... Da ist eine begehbare Wunderkammer wie die, in die Showcase Beat Le Mot das Publikum in ALLES einladen, eine echte Alternative. Ausgerechnet die Altmeister des Konzepttheaters verzaubern mit Licht, Sound und Literatur, schenken Minestrone aus, und wenn sie dozieren dann mit Humor und Sinnlichkeit. In diesem Alchemie Labor wird man erinnert, dass Theater Geist und Materie bedeutet. ...

dradio, Diskurstheater über Menschheitsfragen, Dorothea Marcus, 30.06.2013

"Dazu passen wunderbar die Performer der Gruppe "Showcase Beat Le Mot". Nichts Geringeres haben sie sich vorgenommen, als ihrem Publikum "Alles" zu geben. So der Titel der fast vierstündigen Show, in der sie den Zuschauer auf tiefen Sofas in eine Art Trance führen, zwischen psychedelisch bunten Projektionen und meditativ kreisenden Holzmaschinen. Zu treibendem Elektro, mit Minestrone und Bier kann man dabei zusehen, wie sie mit Theater ironisch alles erschaffen, wonach sich der Mensch immer gesehnt hat. Mit Zaubertricks machen sie aus Granulat Gold, lassen den Satan im Schattenspiel über Lust reflektieren, ein Golem aus Buchstaben will bei ihnen Praktikum machen. Alchemie und Mystik, Theater und Leben öffnen gewaltige Assoziationswelten im Kopf. Und so kann man nach dem ersten anregenden Impulse-Wochenende resümieren: Der neue Festivalleiter Florian Malzacher ermöglicht Selbstbefragungen aus vielen Perspektiven. Nicht schlecht, wenn das mit Hilfe von Theater gelingt."

In der Alchemistenstube von Christian Rakow / nachtkritik

Berlin, 30. November 2011. Wie gern, und doch wie selten, sagen wir von Künstlern: Diese hier definieren ihren eigenen Kosmos. Sie haben uns heran gewunken und die Tür hinter uns geschlossen und nicht eher wieder geöffnet, bis wir verzaubert waren. Showcase Beat Le Mot sind von diesem Schlage. Man könnte wohl grübelnd vor ihren so wunderlichen Experimentaltheaterfantasien verharren, vor der Heimwerkerromantik, den kryptischen Parabeln und dem fröhlichen Dilettantismus der Show, mal getanzter, mal eingesungener Art. Aber man durchreitet das alles eher, fast wie in Trance.



"Ach, bitte", hörte ich letzthin Leute sagen, die Künstlerhandschriften gern mit einem Verfallsdatum versehen, "Showcase Beat Le Mot überraschen doch nun wirklich nicht mehr. Die machen halt ihr Ding."



Eben.



Das neue Ding der 1997 gegründeten Künstlergruppe, das sich lakonisch "Alles" nennt, kommt im kleinen HAU 3 heraus (ehe es durch einige Zentralspielstätten der deutschen Off-Szene zum Mousonturm Frankfurt, ans FFT Düsseldorf und auf Kampnagel Hamburg tourt). Vor der Premiere fragte ich bei der Pressestelle an, ob die Künstler vorab Texte oder Materialien zirkulieren, woraufhin mir eine Bibliographie mit 47 Titeln zugesandte wurde, auf der illustre Werke von Platon (Höhlengleichnis) oder Umberto Eco (Das Foucaultsche Pendel) neben weniger illustren (Alexander Rob: Alchemie und Mystik) verzeichnet sind. E. T. A. Hoffmann, dessen "Goldener Topf" in der Aufführung auch zu erkennen war, fehlt auf dieser Liste. Sie gab wohl mehr so ein grobes Hintergrundraster.



Entspannungskünstler



Tatsächlich bedienen Showcase Beat Le Mot im Unterschied zu manch anderen Künstlern aus dem Umfeld der Angewandten Theaterwissenschaften Gießen nicht die große, insiderische Zitatenschleuder; zumindest fühlt man sich von ihnen nicht zum Sturm des Bücherschranks genötigt. Die Texteinschübe in ihren Performanceabenden tragen – selbst wo sie auf dadaistischen Nonsens hinauslaufen – ihre Pointe stets in sich. Ihr Vortragston ist locker, unverkrampft konzentriert. Showcase Beat Le Mot sind die Entspannungskünstler der Off-Szene.



Schon bei der Begrüßung macht Nikola Duric klar, dass man zum Überlegen nicht wie der Denker in Rodins Plastik versteift herumhocken müsse. Und sogleich werden wir hinter einen Vorhang aus Papierbahnen geführt in einen obskuren Clubbereich. Man sitzt auf Sofas, lauscht endlosen Ambient-Soundschleifen und blickt auf Holzgerüste, Räder und automatische Apparaturen wie aus Leonardo da Vincis Studierzimmer.

Die poetische Suche nach dem Ungeschiedenen

Gelegentlich entführen uns die Performer wieder vor den Papiervorhang, um Ansprache zu halten. Und spätestens wenn Veit Sprenger die Zuschauer in die hohe Schule der Filibusterrede einweiht, die einen Anfang und kein Ende habe und einzig dazu diene, den (politischen) Gegner zu zermürben, weiß man: Dieser Abend kann lang werden. Auf satte vier Stunden bringt er es dann. Zwischendrin gibt's Gemüsesuppe, von den vier Performern (Nikola Duric, Dariusz Kostyra, Thorsten Eibeler und Veit Sprenger) wie üblich selbst zubereitet und ausgeschenkt. Bier holt man von der Bar am Rand der Bühne.

Es ist ein Besuch in der Alchemistenstube. Wie Urgroßenkel Johann Friedrich Böttgers zaubern die Vier künstliches Gold herbei. Sie lassen Flüssigkeiten über einen Overhead-Projektor laufen, um sphärische Bilder auf die Papierbahnen zu projizieren, und beschwören die Schöpfung des Golems.

Warum das alles? Weil sich hier das poetische Vermögen in seinem Selbstzweck feiert. Der herrschende, analytische Verstand will unterscheiden, will sagen: dieses oder jenes, gut oder böse, oben oder unten. Die romantische, poetische Kraft hingegen sucht: "Alles", das Eine und Ganze, das Ungeschiedene. Einmal weist Sprenger an, ein jeder und jedes möge nun die Plätze tauschen: "Gebirge und Tal, und Echo und Hall, und Homos und Heteros, und Väter und Mütter, und die oberen Zehntausend und die unteren Zehntausend" und so fort. Es ein phänomenales Mantra aus den Tiefen dieser Theateralchemie.



Schillernde Fragmente



Napoleon habe die Wundermittel abgeschafft, als er festlegte, dass die Inhaltsstoffe kenntlich zu machen seien, sagt Duric und dreht eine Flasche Eau de Cologne in seiner Hand. Wer will Wunder ausbuchstabieren, klein rechnen? Showcase Beat Le Mot wollen es nicht. Und sie machen es einem mit ihrer einladenden Geste leicht, ihnen darin zu folgen. Keine marmornen Sinnbauten schaffen sie, sondern schillernde Fragmente. So wie ihre Weihnachtswunschzettel von Kindern, die nicht mehr an Gott glauben: "Lieber Satan, kannst du etwas Wärme nach oben schicken? Hier ist es Winter und richtig kalt."



Irgendwann verlieren sich die Texte ganz zwangsläufig (denn auf geraden Bahnen bewegten sie sich ohnehin nicht) im großen Soundgewirr des Abends. Die Apparaturen rotieren unentwegt, während oft minutenlang nichts mehr passiert. Zum späten Finale entlockt Duric einer Posaune einige quäkende Töne. Die Club-Tracks schnurren. Es ist schon Mitternacht. Für einen Arbeitstag mitten in der Woche eigentlich eine Zumutung, eigentlich unmöglich. Aber warum sollte Kunst auch das Mögliche wollen?

Alchemie in Zeiten von Ikea Mit „Alles“ bauen die Performer von Showcase Beat Le Mot eine faszinierende Theaterwunderkammer ins Berliner HAU von Sebastian Kirsch / Theater der Zeit januar 2012 Heft Nr.1

Es gibt einen höchst obskuren und darin umso faszinierenderen Text des barocken Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz: den „Gedankenscherz, eine neue Art von REPRÄSENTATIONEN betreffend“ aus dem Jahr 1675. In dieser kurzen, manifestartigen Abhandlung entwickelt Leibniz die Utopie eines unendlich großen Theaterhauses, in dem sich das gesammelte Wissen seiner Zeit in Form von Ausstellungen, Bühnendarbietungen, Lichtprojektionen, effektvollen wissenschaftlichen Experimenten usw. anschauen und erleben ließe, wobei das Gebäude auch noch Bibliotheken, Spielpaläste, Gaststätten und vieles mehr enthalten sollte. Über mehrere Seiten hinweg steigert sich der seltsame Text zu einer nachgerade anarchistischen Wucherung von Ideen darüber, was noch alles in dieses „Theater der Natur und Kunst“ hinein- könnte. Der „Gedankenscherz“ liest sich darum zu großen Teilen als scheinbar rein assoziative, unverbundene Auflistung von möglichen Sensationen und Sehenswürdigkeiten.

Zum Beispiel nennt Leibniz als etwaige Bestandteile seines Theaters: „Die Darbietungen könnten die Laterna Magica sein (damit könnte man beginnen), sowie Flüge, künstliche Meteoriten, alle Arten optischer Wunder, eine Darstellung des Himmels und der Sterne. Kometen. Ein Globus wie jener in Gottorf oder Jena; Feuerwerke, Wasserspiele, ungewöhnlich geformte Schiffe, Alraunen und andere sel- tene Pflanzen. Ungewöhnliche und seltene Tiere. Die Königliche Manege. Tiergestalten. Der königliche Pferderenn-Automat. Eine Verlosung. Darstellungen von Kriegshandlungen. Aus Holz gefertigte und auf einer Bühne errichtete Festungsanlagen, offener Graben, usw.“ Prinzipiell könnte das ewig so weitergehen; der „Gedankenscherz“ bricht darum auch eher ab, als dass er einen wirklichen Schluss hätte.



Obwohl er an diesem Theaterabend nicht explizit erwähnt wird, könnte der Leibniz’sche Text Pate gestanden haben für die neue Produktion der Performancegruppe Showcase Beat Le Mot, die sinnigerweise den Titel „Alles“ trägt und in fast vier Stunden ein absolut hinreißendes „Theater der Natur und Kunst“ entstehen lässt. Tatsächlich sind die Parallelen dieses Abends mit Leibniz’ scherzhaftem Manifest verblüffend: Die Showcase-Performer haben im Bühnenbereich des HAU 3 zwischen einigen Holz- gestellen eine überquellende Wunderkammer, eine vielfältige Theatermaschine und ein alchimistisches Laboratorium in einem errichtet, vollgestopft mit undefinierbaren Gerätschaften. Da gibt es die verschiedensten Apparate, die allesamt den Charme des Obskures Natur- und Kunsttheater – Showcase Beat Le Mots Alchemistenstube „Alles“ ist voll von sonderbaren Geräten.



Selbstgebastelten verströmen – so sieht eine Alchimistenstube in Zeiten von IKEA aus – und die dabei zu Bewegungen fähig sind, deren Sinn und Zweck weitgehend im Dunkeln bleibt: zum Beispiel eine Art Fahne, die an der Decke hin und her fährt, oder ein riesiges hölzernes Hamsterrad, das irgendwann an diesem Abend tatsächlich von einem der vier Performer (Nikola Duric, Dariusz Kostyra, Thorsten Eibeler und Veit Sprenger) erklommen und be- dient wird. Da gibt es an der Hinterwand auch ein Wasserspiel, und vor allem gibt es ein geradezu drolliges Perpetuum mobile mit drei rotierenden Holzscheiben, das stundenlang tapfer gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik ankämpft. Schließlich erfahren wir von den Performern, dass das Perpetuum mobile für sie vom legendären Golem gebaut wurde, der eines Abends bei ihnen angeklopft und sich, nach dem Ableben seines Rabbi Löw, um eine Assistenz oder zumindest eine Hospitanz beworben habe. (Eine Zusammenarbeit, die nicht glücklich geendet sei.) Aber nicht nur der Golem hat in „Alles“ seinen Auftritt. Auch der in der Retorte gebrutzelte Homunkulus beobachtet in Gestalt ei- nes Hologramms die Aktivitäten von der Wand aus, stoisch und still, bis er sich einmal bei den Performern über die Gestalt seines zu dick geratenen Körpers zu beschweren beginnt und diese ihn über seine nicht sonderlich appetitliche Entstehungsgeschichte aufklären.



Immer wieder bekommt man an diesem Abend solche kleinen und großen Nummern, Darbietungen und Vorführungen zu sehen. Zum Beispiel wird einmal tatsächlich mit einem alchimis- tischen Trick (Katzen-)Gold hergestellt, ein anderes Mal wird eine lehmige Masse mit einigen Sprenklern Eau de Cologne zum Le- ben erweckt, und häufig verlesen die Showcase-Performer aus- führliche Rezepte, seltsame Reden oder auch ihre Sammlung von Wunschzetteln an den Teufel. Dann wieder ergehen sie sich in seltsamen Choreografien und Tänzen, etwa mit Aquariums- gläsern oder mit Plastikskeletten, die überall in diesem Labor aufgehängt sind – nicht zu vergessen auch die hypnotische Livemu- sik, die qua Klavier, E-Gitarre und undefinierbaren Klangmaschinen die „Geschehnisse“ begleitet. Die Zuschauer dürfen sich dabei inmitten von allem frei bewegen und umherstreifen oder das HAU nach Belieben auch ganz verlassen und später wiederkommen. Ähnlich wie man es schon aus früheren Arbeiten der Grup- pe kennt, säumen Sofas, Bänke und ein bequemer Schaukelstuhl die Theaterlandschaft; vor der Hinterwand ist eine Bar aufgebaut, wo man sich Bier und andere Getränke kaufen kann, und nach ungefähr zwei Stunden wird eine frisch zubereitete Gemüsesuppe gereicht. Natürlich kann man sich aber auch im Zuschauerraum niederlassen und das Ganze aus einer „normalen“ Zuschauerhaltung aus betrachten. Aus dieser Position sieht man allerdings hauptsächlich vier lange Papierbahnen, die von der Decke zum Boden reichen und auf die aus dem Laboratorium heraus psyche- delisch anmutende Lichteffekte, Schattenspiele und optisch-magische Farbspielereien geworfen werden.



Warum sieht man alledem so fasziniert zu, warum gerät man zwischendurch fast in Trance, und warum reizt das Dargebo- tene immer wieder auch zum plötzlichen Lachen? Es dürfte damit zu tun haben, dass alle Performer von Showcase das Spiel mit Wiederholungsschleifen, minimalen Variationen und seriellen Rhythmen virtuos beherrschen – nicht von ungefähr hat Veit Sprenger eine Dissertation über das TV-Format der Late-Night- Show geschrieben, das in seinen besten Momenten seinerseits die Möglichkeiten des Seriellen erforscht. Und wirklich wimmelt „Al- les“ von seriellen Elementen, von der ostinaten Musik über die Aufzählungsstruktur der Erzählungen und Reden, die immerglei- chen Bewegungen der Maschinen und Gerätschaften bis zu den kombinatorischen Mustern der chemischen Bauformeln und ma- gischen Rezepte (oder auch der nichtmagischen, wie im Fall der Gemüsesuppe).

Dass diese Dimension sich freilich in „Alles“ mit seinen offensiven Reminiszenzen an Renaissance und Barock besonders gut entfalten kann, liegt daran, dass das Moment der kombinato- rischen Serie selbst eine tiefe Beziehung zu den Formen des früh- neuzeitlichen Analogiedenkens unterhält und dabei zugleich in enormer Weise mit der Leiblichkeit verbunden ist. So ist etwa die Frage, welche Farben, welche Geschmäcker, welche Figuren be- sonders gut zueinanderpassen, über den Modus der nichtlogischen Ähnlichkeit vermittelt, was der Grund dafür ist, dass vor allem die Renaissance Massen von magischen Heil- und geschmackvollen Kochrezepten gesammelt und erfunden hat. Aber auch die komische Seite des Analogiedenkens ist in besonderem Maße an die Körperlichkeit gebunden. Denn ihre wichtigste Figur ist – neben den grotesken Geschöpfen Rabelais’, an die man an diesem Abend des Öfteren denken muss – der Harlekin, der überall Ähnlich- keiten zwischen seinen Körperteilen und der dinghaften Welt ent- deckt.

All diese Aspekte werden von Showcase an diesem Abend voll und hochbewusst ausgespielt: Im Programmzettel ist einmal vom „Hedonismus der Kombinatorik“ die Rede. Und auf einen besseren Begriff kann man den Charakter dieser wunderbaren Arbeit nicht bringen. //

Mörser brennen, Golem erwacht, Suppe schmeckt von Doris Meierhenrich / Berliner Zeitung

Berlin, 1. Dezember. Man kennt den „Denker“ von Rodin und bewundert ihn. Aber bewundert man ihn zu Recht? Kann man diesem „Denker“ sein Denken wirklich abnehmen, wenn er stundenlang so dahockt: den rechten Ellenbogen verkrampft auf die linke Kniescheibe gestützt? Nein, sagt der Einlasser von Showcase Beat Le Mot energisch, streckt seine Beine, lockert seinen Oberkörper und verschwindet hinter die Vorhangbahnen im Hau 3. Diese Bahnen aber schweben darauf nicht zur Seite oder heben sich gen Himmel, um den Blick freizugeben auf die Bühne. Sie bleiben, wo sie sind, geschlossen. Weshalb, wer etwas sehen will an diesem Abend, seine eigene Denkerpose aufgeben und dem Begrüßer folgen muss.



Es beginnt nomadisch und wird nomadisch bleiben in dieser lockeren, vierstündigen Theaterwanderschaft von Showcase Beat Le Mot. Denn ein leichtes Ziel werden die Zuschauer, die sich aufgemacht haben, um die wie immer fantastisch-sachliche Bühnen-Kunst-Labor-Landschaft der Gießener Truppe zu umschleichen, nicht finden. Ziel ist hier, den Weg beständig zu verlieren, weshalb man an diesem Abend so etwas lernen kann wie spiegelverkehrtes Wandern. Eine wendige Bewegung jedenfalls, aus der heraus man die zahlreichen Overhead-Projektionen nicht nur von vor, sondern auch von hinter der Leinwand betrachtet und dementsprechend verkehrt auch die dazu erzählten Geschichten hört.



Dass man so disponiert eigentlich nichts falsch verstehen kann an diesem Häppchen-Abend aus hübschen Schattenspielen (in denen der Golem erwacht), kleinen alchemistischen Zaubertricks (in denen Gold entsteht), Filibusterreden und Suppekochen (die zwischendurch alle löffeln dürfen), ja, dass man selbst dann nichts falsch verstehen kann, wenn man verständnislos herumläuft, liegt daran, dass es hier um „Alles“ geht. Genau deshalb aber kann man gerade auch alles falsch verstehen. Denn beliebig ist dieses „Alles“, aufgetischt von Showcase Beat Le Mot, ganz und gar nicht, auch wenn es hinterhältigerweise zuweilen so aussieht. Das allerdings beweist nur die Kühnheit der Performer, die den Zuschauern die schwierigste Arbeit hier selbst überlassen: das Begreifen ohne zu Ergreifen.



„Alles“ ist ein hintersinniges, ... Vorführspiel der Verknüpfungs- und Verschwörungsstrategien, die die Welt erklären wollen: Zahlen und Buchstaben flackern über die Leinwand, weil kabbalistische Mystik einst und Gentechnik heute sich alles aus Zahlen und Buchstaben gewürfelt denken.

Flammen schlagen aus Mörsern, weil romantische Alchemie Geist und Materie gern diffus verschmolzen sieht, und Schraubstöcke klammern Baumäste und Artefakte zusammen, weil die Moderne das Selbstgemachte gern betont. Showcase führen alte und neue Verblendungsverfahren vor − vom Erwecken des Golem bis zur hübsch im Mikroskopbild fingierten Petrischalenbefruchtung − und führen sie parodistisch über sich hinaus in die Übertreibung. Und dennoch bleiben sie diesmal zu sehr in ihrem eigenen, formalistischen Hamsterrad, bleibt dieses „Alles“ nur wie ein leerer Rahmen für „Alles“. Die Motivationen hinter den Verknüpfungen nämlich bleiben ungefragt.

Rauchend, Essen kochend, musizierend verbringen die vier Performer entspannte vier Lebensstunden in ihrem schönen Interieur aus Maschinenengeln und Fluggeräten, die selbst ihre zusammengebastelte Herkunft aus Mystik, Wissenschaft, Kunst und Alltag nicht leugnen. Doch ob gemacht ob gedacht − das formalistische Hamsterrad am Rande läuft nur und läuft.

Alles von Showcase Beat Le Mot von Steffen Kassel / Aktionskunst @ suite101

Berlin, 1.Dezember 2011. Die 1997 gegründete Performancegruppe absolvierte sinnenfreudig ihre Berliner Premiere, bevor sie dann nach Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg weiterzieht.

Nicola Duric, nebenberuflich Schwabe, steht vorm Publikum und hat ein Fläschchen der pflanzlichen Universal-Arznei Klosterfrau Melissengeist in der Hand. In einem beigen Dress steckend, preist er die Pflanzenextrakte als Duftmittel. Anschließend hält er ein Flakon von 4711 in die Höhe. Wie man hört, handelt es sich hierbei um einen Geruch, den viele noch von ihrem Opa kennen. Nicht so Duric: er hat das Duftwässerchen als Mittel eingenommen, was bei etwa 70 % Alkoholgehalt vermutlich seine Spuren hinterlassen hat. Nach einem kurzen Exkurs über die Herkunft des Namens 4711 – ein französischer Brigadegeneral ließ die Kölner Häuser durchnummerieren – und der nüchternen Präsentation des großen Kölner Geschenks an die Welt wird eine klebrige grüne Masse aus Ton und Plasteline auf eine Tafel gelegt. Die teigige Masse wird mit Kölnisch Wasser besprengt – und siehe da, sie hüpft auf dem Untergrund wie ein Frosch. Ein kleiner Spritzer reicht aus und ein Zucken läuft durch den Brei, als habe man eine kleine Echse mit einer Nadel gestochen.



„Wir lieben euch alle“



Als dieses Hüpf-Experiment über die Bühne geht, sind schon etwa neunzig Minuten der Performance bewältigt. Den Beginn macht ebenfalls Nicola Duric, der zu seiner – gelassenen - Bestürzung einige freie Plätze entdeckt, um dann von Körperhaltungen gemäß einer kunsthistorischen Diagonale der Laokoon-Gruppe zu sprechen. Aber im Grunde sei das nur „Männerkram“, zustande gekommen durch aufgeladene Sexualität. Das Motto dieses Abends wird sogleich klargemacht: „Wir lieben euch alle“, lieben euch wie die Sonne, den Mond, das Universum...Bei so viel Liebe kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, deshalb wandern die Zuschauer bereitwillig in Richtung Hinterbühne, wo sie ihre freie Platzwahl auf Couchen, Tischen und dem Boden genießen können. Allerhand bekommt man hier zu sehen, bis hin zu einer leichten Überreizung des Wahrnehmungsapparats: ein Panoptikum aus Skeletten, technischen Geräten, Musikinstrumenten und hölzernen Maschinen. Dass der Umweltschutz nicht spurlos an diesen internationalen Performern vorübergezogen ist, beweist die Attrappe einer stromerzeugenden Windmühle, die als etwas bizarrer Blickfang direkt vorm Publikum postiert ist.

Zungentanz vor psychedelischer Kulisse

Ganz in dunkles Khaki gehüllt, bricht nun der Auftritt von Thorsten Eibeler an, der mit einer über den Kopf gestülpten halben Discokugel herumläuft und mittels Overhead-Projektoren Bilder auf Papierbahnen wirft. Links ist eine Art Gestirn zu sehen, in der Mitte ein lilafarbenes Psychedelic-Bild und rechts ein gelber Kasten, der sich vorzüglich als kurioses Firmen-Logo eignet. Eibeler hantiert mit Küchensieben, Glasschalen und dünnen Strickfransen und projiziert damit surreale Bildverzerrungen an die Wand. Da das Minispektakel anscheinend nicht ausreicht, geht Eibeler zu einem Zungenspiel über, bei dem Schatten auf das lilafarbene Bild geworfen werden. Ein wahres Freudenfest für Flower-Power-Freunde, die ihr Farbgemisch aus Protestzeiten wiedererkennen und die Bewegungen einer Zunge verfolgen können, die sich tief in eine phantastische Landschaft eingräbt. Dazu ertönen Keyboardklänge und ein dumpfer Bass, in deren betäubenden Sound sich mitunter ein Gesang mischt. Glück haben vor allem jene Zuschauer, die mit dieser Art von Musik etwas anfangen können, beispielsweise Kritiker, die nicht vorzeitig in die Flucht geschlagen werden.



Vom Filibustern und Ermüden



Es herrscht ein reger Laufbetrieb, während der gesamten Performance ist die Bar geöffnet, die den Bierzugriff sichert und damit auch die heitere Ausgelassenheit. Offensichtlich hat man im HAU ein innovatives Besucherzufriedenheitskonzept erarbeitet, mit dem positiven Effekt, dass zu den jährlich zugestandenen 7,1 Millionen Euro noch eine minimale Einkommensquelle hinzukommt. Auf der Vorderbühne findet eine Filibusterrede statt, bei der nicht der Inhalt entscheidend ist, sondern die Ermüdung des Gegners. Von Ausnahmen abgesehen sind aber die Theaterzuschauer Verbündete – deshalb hat Veit Sprenger seine Anstrengungen darein gesetzt, sein Filibustern möglichst kurz und originell zu halten. Das fängt schon bei der Optik an: er trägt ein weinrotes pyjamaähnliches Gewand nebst Pantoffeln, was den häuslichen Charakter der Veranstaltung hervorhebt. Zu kraftvoll für einen Pantoffelhelden, liest er aus einem riesigen Buch, das auf einem Ständer liegt, und schwadroniert über Austernrezepte, ohne allerdings auf die in derartigen Gerichten enthaltenen sinnlichen Stimulanzien einzugehen. Mitunter scheint es sinnvoll, ein ohnehin angeregtes Publikum nicht noch weiter aufzupuschen. Vielsagend, aber dunkel sind Sprengers vorläufige Schlussworte: „Erwarten Sie sich nicht zu viel vom Untergang.“



Satan für Kinder



Die Truppe wird übrigens ergänzt von Dariusz Kostyra, der eine grüne Arbeitskleidung trägt, wie sie beim Krankenhaus-Personal im OP-Betrieb üblich ist. Für Leute, die sich wie kurz vor einer Operation fühlen wollen, setzt Kostyra in Abständen einen kühlen Sezierblick auf, der nichts Gutes verheißt, aber bald durch mildere Züge aufgelöst wird. Immerhin existieren für glaubensabtrünnige Kinder auch Wunschzettel und Fragen, die, wenn etwa eine Sternschnuppe gefunden wurde, an den Satan höchstselbst gerichtet werden können. Nicht nur das, ein Kind kann auch einen versehentlichen Kirchenbesuch beichten und mit ungewöhnlichem Verständnis rechnen. Für weitere Entspannung sorgt Blasmusik, zu der Eibeler und Sprenger Glaskästen über ihre Köpfe legen, um die visuelle Wucht ihrer Performance zu erhöhen. Ein durchaus bunter Abend also, sofern eine höhere Altersstufe noch in weiter Ferne liegt und man Geschmack an alchemistischen Märchenzaubereien findet. Hierfür reicht ein Ei im Weinglas, das zu einem Weltenei mutiert und unter Beimischung von Phosphor in einer Metallflasche zum Stein des Weisen wird. Dann beginnt die Selektion: Gold oder kein Gold. Nach einem von Schleiern verhüllten Skelett geht es nahtlos über zu den Kochkünsten des Performer-Teams. Ans hungrige Publikum werden selbst zubereitete Gemüsesuppen verteilt, in denen trotz schwäbischer Beteiligung keine Maultaschen herumschwimmen. Nach dieser Stärkung geht es weiter, wer Mammut-Projekte schätzt, bleibt bis zur Mitternacht.



Alles

von Showcase Beat Le Mot



Mit: Veit Sprenger, Nikola Duric, Thorsten Eibeler, Dariusz Kostyra.

Musik: Albrecht Kunze, Künstlerische Mitarbeit: Florian Feigl, Manuel Muerte, Alexej Tscherny, Tobias Euler; Bauten: Atia Trofimoff, Choreographie: Can Pestanli, „Realisatör“: Stefan Rüdinger, Produktionsleitung: Olaf Nachtwey.







Alles aus Allem: das alchemistische Prinzip von Tim Sandweg / Die deutsche Bühne

Aristoteles entwickelte in seiner Lehre von den vier Elementen den Gedanken, alles Sein bestehe aus Feuer, Wasser, Luft und Erde; aus diesen Grundstoffen ließen sich alle beliebigen Elemente herstellen. Eine Theorie, die das alchemistisch-chemische Denken und insbesondere den Wunsch, Edelmetalle herzustellen, über Jahrhunderte hinweg beflügeln sollte. Wenn alles bereits da ist, lässt sich aus diesem Alles auch wiederum alles erschaffen – so auch die neue Performance von Showcase Beat le Mot, die in ihrem Experimentarium unter dem lakonisch-kurzen Titel „Alles“ auf der Bühne des HAU 3 alchemistische Experimente mit dem Traum, Leben aus unlebendiger Materie zu schaffen, mischen.



Dabei ist das alchemistische Prinzip überhaupt die Arbeitsweise der vier Performer: Das Sampeln, Reorganisieren und palimpsesthafte Überschreiben bereits vorhandenen Wissens als Transformationsprozess zwischen wissenschaftlichem und künstlerischem Wahnsinn. Dieses aristotelische Verfahren trifft auch auf die Versatzstücke der Bühne zu, die bereits in vergangenen Performances zu finden waren: Der Homunculus trägt einen Hotzenplotz-Ganzkörperanzug, die Apparaturen erinnern in ihrer Holzlattenästhetik an „1534“. Natürlich tauchen die Elemente Choreografie, Konzert (mit den beatigen und chilligen Sounds von Albrecht Kunze angereichert) und Kochen (diesmal gibt es Gemüsesuppe) ebenfalls wieder auf. Neu zusammengesetzt, mit Zitaten aus Literatur, Wissenschaft und Pseudowissenschaft, Experiment und Theatertheorie vermengt, erschließt sich dem im Raum umherwandelnden, an der Bar sich versorgenden oder sich auf den bereitgestellten Sofas fläzenden Zuschauer ein faszinierendes Panoptikum, das danach schreit, selbst alles aus allem herzustellen.



Dazu eingeladen fühlt man sich auch durch die spieltriebhafte Lust am Experiment der Performer: Sie kreieren den vergoldenden Stein der Weisen in Granulatform, rotieren im Riesen-Hamsterrad und überprüfen Eau de Cologne auf dessen lebensspendende Wirkung. Zum Glück kam auch der Golem im Probenraum vorbei und hat es sich nicht nehmen lassen, einige Perpetua mobilia für das Bühnenlabor zu bauen.



Im ästhetischen Bühnenzentrum steht derweil eine Schattenleinwand aus vier raumhohen Stoffbahnen, die mit bunten und schwarzen Schatten, Licht- und Dia-Projektionen den vierstündigen Abend über durchgehend bespielt wird: Chemische Zeichen und Reagenzgläser mit farbigen Flüssigkeiten, Labyrinthe aus Sieben auf Tageslichtprojektoren, Spiegelkugelblitzer und Laserpointerstriche – und am eindringlichsten ein menschlicher Körper im Stroboskop- und UV-Licht, dem mittels einer blinkenden Lichterkette Leben eingehaucht wird.



In der letzten Stunde stellt sich dann nach und nach ein, was bereits in der zu Beginn gehaltenen Rede über die Filibusterrede, also über einen Redebeitrag, der ebenfalls wieder aus allem (und daher aus nichts) besteht und durch seine Länge den politischen Gegner zur Flucht zwingt, angedeutet wurde: Die Erschöpfung, daraus resultierend, dass die Alles-Schleife sich immer und immer wiederholt, nichts neues, sondern die Variation des Alles geschieht. So erschöpft sich der Bühnenkosmos in sich selbst und den Zuschauer gleich mit. Aber dies ist letztlich die Konsequenz aus der aristotelischen Idee: Die Partikel werden immer wieder unterschiedlich und dann irgendwann zwangsläufig gleich zusammengesetzt, das Ende wird zum Anfang. Wenn also alles aus allem besteht, können wir uns ruhig zurücklehnen. Wir werden schon nichts verpassen.

Die Party-Weisen von Anke Dürr / KulturSPIEGEL 12/2011

28.11.2011 Nach 14 Jahren ist es Zeit für eine Bilanz. Dabei zeigen die Performer von Showcase Beat Le Mot "Alles".



Wo soll man beginnen, wenn es um "Alles" geht? Die vier Männer des Performance-Kollektivs Showcase Beat Le Mot begannen bei sich selbst. "Gerade kündigt sich eine Zeitenwende an", sagt einer, "und an so einer Stelle in der Geschichte wird immer Inventur gemacht." Also blickten die vier (Nikola Duric, Thorsten Eibeler, Dariusz Kostyra und Veit Sprenger, alle Mitte vierzig) auf ihre ersten 14 gemeinsamen Jahre zurück und beschlossen, sich für ihr neues Stück auf ihre alten Stärken zu besinnen: "Wir sind Musikerköcheperformer und machen alles, am besten alles gleichzeitig." Wer gerade spricht, erfährt man nicht beim Telefon-Interview, die vier am Gießener Institut für angewandte Theaterwissenschaften ausgebildeten Künstler nehmen das Prinzip des Kollektivs noch ernst und sitzen um ein lautgeschaltetes Handy herum: "Wir sind siamesisch verwachsen: ein Gehirn, mehrere Körper."



Bei "Alles" soll sich das Publikum wie bei einer Party durch die Räume bewegen. Dabei hat die Gruppe ein echtes Anliegen: "Wir wollen eine Revolte antriggern" - mit den Mitteln der Zauberei, Alchemie und Eurythmie. "Diese Dinge benutzen wir aber nicht esoterisch, sondern ideologisch." Sie seien auch kurz davor, den Stein der Weisen zu erschaffen. Klingt verrückt? Aber nicht viel verrückter als das, womit man sonst gerade die Welt zu retten versucht.

Mörser brennen, Golem erwacht, Suppe schmeckt von Doris Meierhenrich / Berliner Zeitung

Berlin, 1. Dezember. Man kennt den „Denker“ von Rodin und bewundert ihn. Aber bewundert man ihn zu Recht? Kann man diesem „Denker“ sein Denken wirklich abnehmen, wenn er stundenlang so dahockt: den rechten Ellenbogen verkrampft auf die linke Kniescheibe gestützt? Nein, sagt der Einlasser von Showcase Beat Le Mot energisch, streckt seine Beine, lockert seinen Oberkörper und verschwindet hinter die Vorhangbahnen im Hau 3. Diese Bahnen aber schweben darauf nicht zur Seite oder heben sich gen Himmel, um den Blick freizugeben auf die Bühne. Sie bleiben, wo sie sind, geschlossen. Weshalb, wer etwas sehen will an diesem Abend, seine eigene Denkerpose aufgeben und dem Begrüßer folgen muss.



Es beginnt nomadisch und wird nomadisch bleiben in dieser lockeren, vierstündigen Theaterwanderschaft von Showcase Beat Le Mot. Denn ein leichtes Ziel werden die Zuschauer, die sich aufgemacht haben, um die wie immer fantastisch-sachliche Bühnen-Kunst-Labor-Landschaft der Gießener Truppe zu umschleichen, nicht finden. Ziel ist hier, den Weg beständig zu verlieren, weshalb man an diesem Abend so etwas lernen kann wie spiegelverkehrtes Wandern. Eine wendige Bewegung jedenfalls, aus der heraus man die zahlreichen Overhead-Projektionen nicht nur von vor, sondern auch von hinter der Leinwand betrachtet und dementsprechend verkehrt auch die dazu erzählten Geschichten hört.



Dass man so disponiert eigentlich nichts falsch verstehen kann an diesem Häppchen-Abend aus hübschen Schattenspielen (in denen der Golem erwacht), kleinen alchemistischen Zaubertricks (in denen Gold entsteht), Filibusterreden und Suppekochen (die zwischendurch alle löffeln dürfen), ja, dass man selbst dann nichts falsch verstehen kann, wenn man verständnislos herumläuft, liegt daran, dass es hier um „Alles“ geht. Genau deshalb aber kann man gerade auch alles falsch verstehen. Denn beliebig ist dieses „Alles“, aufgetischt von Showcase Beat Le Mot, ganz und gar nicht, auch wenn es hinterhältigerweise zuweilen so aussieht. Das allerdings beweist nur die Kühnheit der Performer, die den Zuschauern die schwierigste Arbeit hier selbst überlassen: das Begreifen ohne zu Ergreifen.

„Alles“ ist ein hintersinniges, ... Vorführspiel der Verknüpfungs- und Verschwörungsstrategien, die die Welt erklären wollen: Zahlen und Buchstaben flackern über die Leinwand, weil kabbalistische Mystik einst und Gentechnik heute sich alles aus Zahlen und Buchstaben gewürfelt denken.

Flammen schlagen aus Mörsern, weil romantische Alchemie Geist und Materie gern diffus verschmolzen sieht, und Schraubstöcke klammern Baumäste und Artefakte zusammen, weil die Moderne das Selbstgemachte gern betont. Showcase führen alte und neue Verblendungsverfahren vor − vom Erwecken des Golem bis zur hübsch im Mikroskopbild fingierten Petrischalenbefruchtung − und führen sie parodistisch über sich hinaus in die Übertreibung. Und dennoch bleiben sie diesmal zu sehr in ihrem eigenen, formalistischen Hamsterrad, bleibt dieses „Alles“ nur wie ein leerer Rahmen für „Alles“. Die Motivationen hinter den Verknüpfungen nämlich bleiben ungefragt.

Rauchend, Essen kochend, musizierend verbringen die vier Performer entspannte vier Lebensstunden in ihrem schönen Interieur aus Maschinenengeln und Fluggeräten, die selbst ihre zusammengebastelte Herkunft aus Mystik, Wissenschaft, Kunst und Alltag nicht leugnen. Doch ob gemacht ob gedacht − das formalistische Hamsterrad am Rande läuft nur und läuft.

Alles aus Allem: das alchemistische Prinzip von Tim Sandweg / Die deutsche Bühne

Aristoteles entwickelte in seiner Lehre von den vier Elementen den Gedanken, alles Sein bestehe aus Feuer, Wasser, Luft und Erde; aus diesen Grundstoffen ließen sich alle beliebigen Elemente herstellen. Eine Theorie, die das alchemistisch-chemische Denken und insbesondere den Wunsch, Edelmetalle herzustellen, über Jahrhunderte hinweg beflügeln sollte. Wenn alles bereits da ist, lässt sich aus diesem Alles auch wiederum alles erschaffen – so auch die neue Performance von Showcase Beat le Mot, die in ihrem Experimentarium unter dem lakonisch-kurzen Titel „Alles“ auf der Bühne des HAU 3 alchemistische Experimente mit dem Traum, Leben aus unlebendiger Materie zu schaffen, mischen.



Dabei ist das alchemistische Prinzip überhaupt die Arbeitsweise der vier Performer: Das Sampeln, Reorganisieren und palimpsesthafte Überschreiben bereits vorhandenen Wissens als Transformationsprozess zwischen wissenschaftlichem und künstlerischem Wahnsinn. Dieses aristotelische Verfahren trifft auch auf die Versatzstücke der Bühne zu, die bereits in vergangenen Performances zu finden waren: Der Homunculus trägt einen Hotzenplotz-Ganzkörperanzug, die Apparaturen erinnern in ihrer Holzlattenästhetik an „1534“. Natürlich tauchen die Elemente Choreografie, Konzert (mit den beatigen und chilligen Sounds von Albrecht Kunze angereichert) und Kochen (diesmal gibt es Gemüsesuppe) ebenfalls wieder auf. Neu zusammengesetzt, mit Zitaten aus Literatur, Wissenschaft und Pseudowissenschaft, Experiment und Theatertheorie vermengt, erschließt sich dem im Raum umherwandelnden, an der Bar sich versorgenden oder sich auf den bereitgestellten Sofas fläzenden Zuschauer ein faszinierendes Panoptikum, das danach schreit, selbst alles aus allem herzustellen.



Dazu eingeladen fühlt man sich auch durch die spieltriebhafte Lust am Experiment der Performer: Sie kreieren den vergoldenden Stein der Weisen in Granulatform, rotieren im Riesen-Hamsterrad und überprüfen Eau de Cologne auf dessen lebensspendende Wirkung. Zum Glück kam auch der Golem im Probenraum vorbei und hat es sich nicht nehmen lassen, einige Perpetua mobilia für das Bühnenlabor zu bauen.

Im ästhetischen Bühnenzentrum steht derweil eine Schattenleinwand aus vier raumhohen Stoffbahnen, die mit bunten und schwarzen Schatten, Licht- und Dia-Projektionen den vierstündigen Abend über durchgehend bespielt wird: Chemische Zeichen und Reagenzgläser mit farbigen Flüssigkeiten, Labyrinthe aus Sieben auf Tageslichtprojektoren, Spiegelkugelblitzer und Laserpointerstriche – und am eindringlichsten ein menschlicher Körper im Stroboskop- und UV-Licht, dem mittels einer blinkenden Lichterkette Leben eingehaucht wird.

In der letzten Stunde stellt sich dann nach und nach ein, was bereits in der zu Beginn gehaltenen Rede über die Filibusterrede, also über einen Redebeitrag, der ebenfalls wieder aus allem (und daher aus nichts) besteht und durch seine Länge den politischen Gegner zur Flucht zwingt, angedeutet wurde: Die Erschöpfung, daraus resultierend, dass die Alles-Schleife sich immer und immer wiederholt, nichts neues, sondern die Variation des Alles geschieht. So erschöpft sich der Bühnenkosmos in sich selbst und den Zuschauer gleich mit. Aber dies ist letztlich die Konsequenz aus der aristotelischen Idee: Die Partikel werden immer wieder unterschiedlich und dann irgendwann zwangsläufig gleich zusammengesetzt, das Ende wird zum Anfang. Wenn also alles aus allem besteht, können wir uns ruhig zurücklehnen. Wir werden schon nichts verpassen.