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Doris Meierhenrich / Berliner Zeitung

BERLINER ZEITUNG

Als es Münster an Monogamie mangelte

von DORIS MEIERHENRICH



Im Reich der Wiedertäufer: Showcase Beat Le Mot beschäftigen sich mit "1534 n. Chr." im HAU 2Wenn man annimmt, dass es Vergangenheit gibt und Zukunft, dann leben wir immer im Mittelalter. Eigentlich hätte es dieses hübschen Kalauers gar nicht bedurft, um zu erkennen, dass das Jahr "1534 n. Chr.", um das es hier geht, einiges zu tun hat mit heute. Nach Reformation und Bauernkriegen nämlich gehört es längst selbst einer Schwellenzeit an, in der die seltsamsten Bewegungen hervor brachen. Und allein dieses gesellschaftliche Brodeln zwischen radikalem Reformermut und apokalyptischen Ängsten zum Ausgangspunkt einer Performance zu machen, ist schon ein herrlicher Zug.



Angst vor weit gefasstem Denken hatten die Performer von Showcase Beat Le Mot nie, deren Herz seit ihrer Gründung 1997 für das Grundsätzliche sozialer Fragen schlägt. Nun haben sie das "Wiedertäuferreich" zu Münster aus den Geschichtsbüchern gegraben, das 1534 sein kurzes Regnum erlebte. Sogenannte Täufer hatten die Stadt übernommen, um dort ein "Reich Gottes" zu errichten, in dem es weder Privatbesitz noch Monogamie noch Obrigkeit geben sollte. Doch was schwärmerisch begann, geriet schnell zur blutigen Tyrannei und die Rückeroberung Münsters durch die bischöflichen Truppen zur ungeahnten Erlösung. Diese Fakten aber dienen im HAU 2 nur als Gedankenkulisse einer vielgestaltigen, freieren Installation. Als vier fantastische Propheten nämlich schmuggeln sich die Performer in die Geschichte ein und klopfen mit ironischem Spielwitz und Brechtscher Lehrtheatergenauigkeit die Möglichkeiten eines radikalen Gesellschaftsumbaus ab.



Dafür haben sie einen eigenartigen Parcours aufgebaut: eine Sanduhr rieselt am Rand vor sich hin, die aus Waage- und Mühlenmechanismen zusammengebaut scheint. Ein Bottich zum Weintraubenzertrampeln ziert die Mitte, Rädergestellen, Glasorgeln und Metallkelchen werden Klänge entlockt. Aus jeder Handbewegung entsteht eine neue Welt - und doch gehorchen alle Maschinen auch einem unbestimmten Eigenmechanismus. Erst die umstehenden Glashäuser aber schießen die Gedankenfunken tatsächlich durch die Zeiten. Wie im Inneren eines Gehirns blitzt es im einen Haus, als ob eine Armada von Aktionspotenzialen über die darin wuchernden Nervenstränge jagt. Ein anderes ist ganz mit göttlichem Wolkenschaum gefüllt.



Immer gibt es mindestens zwei Arten, die Welt zu betrachten: die analytische (Gehirn-Haus) und die synthetische (Wolken-Haus), das Zerlegen einer Mechanik oder das Verbinden zu einem Sinn. Als geübte Dialektiker schreiten Showcase Beat Le Mot diese Pole sorgsam ab und gelangen immer genau dort hin, wo das Entweder-Oder liegt. "Warum habt Ihr die alten Uhren zerstört?" wird einmal gefragt. - "Es musste das Alte zerstört werden, um Neues zu schaffen." So brechtisch direkt klingt das manchmal, um sofort wieder ins rätselhaft Pantomimische zu wechseln. Vieles bleibt kryptisch, manche Tanzeinlage viel zu lang, aber die Neuronen im Zuschauerhirn hüpfen.

ZUM DONAUFESTIVAL 2010 – "Failed Revolutions" Von Christine Standfest

Showcase Beat le Mot, „1534“, Klangraum Minoritenkirche. Showcase waren eine der Referenzgruppen zum Thema „Failed Revolutions“. Ihr Stück handelt vom „Neuen Jerusalem“, das die Täuferbewegung 1531 bis zu ihrer Niederschlagung 1534 durch bischöfliche katholische Truppen in Münster errichtet hatte. Ja, genau: Es ist ein Stück, und es handelt von einer gescheiterten Revolution. Während der gefühlten ersten halben Stunde im historischen Ambiente der Minoritenkirche passiert allerdings wenig, zumindest kein Text. Da werden Sounds geschichtet mit merkwürdigen Geräten, da werden religiöse Praktiken vorgeführt mit selbstgebastelten, spätmittelalterlichen Vorrichtungen wie einer ziemlich lustigen Flagellationsmaschine, da wird Wein gekeltert im großen Fass und zum Weihrauch (THC-haltig!) der entsprechend erdige Mostgeruch erzeugt... alles in epischer Langsamkeit, die später in ein ins komödiantische gewendetes episches Theater mündet.



Showcase können das, mit einer über viele Jahre entwickelten Ästhetik zwischen zeitgenössischer Performance, Brecht und Monty Python. Sie können Geschichte erzählen und dabei wechseln zwischen Bericht, dem Gestus des Zeigens und, im Spiel mit Bildern und Körpern in Situationen, die Geschichten gleichzeitig füttern und in Zweifel ziehen. Und dass sie dabei kaum Peinlichkeiten auslassen und das Lächerliche wagen, hat tatsächlich viel mehr mit Verfremdung zu tun als mit Ironie. So lernt man was und wird hineingezogen in die von innen und außen gewaltsam gescheiterte Gegenwelt der Münsteraner Täufer, die als anachronistisches Hippietum erscheint, und fragt sich am Ende: „Gab es die wirklich?“ Ein Tigersprung in die Geschichte als präzise konstruiertes Happening, der dem Geschehen so etwas wie permanente Aktualität verleiht: Revolutions happen.

WESTFÄLISCHE NACHRICHTEN Bilderreigen für alle Sinne VON ISABELL STEINBÖCK

„Arm, faul und ohne Einfluss“ waren die vier Geistlichen, bis sie sich den Täufern anschlossen.

Schon das Bühnenbild zeugt von kreativem Chaos: eine Sanduhr aus riesigen Plastikflaschen, ein Glaskasten, in dem meterhoch Seifenschaum quillt, ein überdimensionaler Experimentierkasten mit flackernden, roten Lampen. Außerdem ein Terrarium, „singende“ Gläser, Wäscheleine, Töpferscheibe. Alles in allem herrscht Lager atmosphäre: vier Männer arbeiten in Seelenruhe oder sitzen einfach nur da.

Man schreibt das Jahr 1534, die Wiedertäufer haben in Münster das Regiment übernommen. Wie das ausgesehen haben könnte, bringt die Berliner Performance Gruppe „Showcase Beat Le Mot“ mit „1534“ auf die Bühne. Im Rahmen von „Statements“ gastierten die Künstler im Pumpenhaus und zeigten ein ironisches Pendant zu „Herz der Freiheit“, das Wiedertäufer Stück, mit dem die Historie des Theaters vor 25 Jahren begann.

Die Geschichte ist kurz erzählt: Vier Geistliche, „arm, faul und ohne Einfluss“, wollen ihre Verhältnisse verbessern und schließen sich den Wiedertäufern an. Von nun an erkennen sie weder Privatbesitz noch Obrigkeiten an und lassen ihre eigenen Gesetze gelten, bis die Truppen des Bischofs Franz von Waldeck die belagerte Stadt einnehmen und die Wiedertäufer hinrichten.

Münsters Geschichte ist hier verarbeitet zu einem mit allen Sinnen erfahrbaren Bilderreigen, der sich mit Ruhe genießen lässt. Die ersten 20 Minuten verbringt „Showcase Beat Le Mot“ hauptsächlich damit, die Szene aufzubauen, und auch danach hält sich die schauspielerische Aktion in Grenzen. Dafür gibt es mittelalterlich anmutenden Gesang, duftenden Weihrauch, Lichteffekte, choreografierte Szenen - mit Fratzen, die an Hieronymus Boschs Malerei erinnern - und am Ende Brot und Wein für alle. Die vier Darsteller, in der Ankündigung treffend als die „beste Boy-Group des deutschen Gegenwartstheaters“ beschrieben, setzen auf Optik und sinnlich Erfahrbares, in einer Performance, die sich humorvoll dem Thema rund um Anarchie und Weltherrschaft widmet und dabei unweigerlich auf menschliche Abgründe stößt. Inhalte, die damals wie heute aktuell sind, in einer Theaterfassung, die immer wieder den Bogen zur heutigen Realität schlägt. Ein intelligentes Stück Theater, witzig, kreativ und tiefgründig zugleich.