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Eierkuchen sind nie falsch

"Peterchens Mondfahrt", eine Kinderperformance von Showcase Beat Le Mot
Katja Oskamp
Der Donnermann wohnt in einem Bündel aus dreißig Plastikkanistern, die von innen leuchten. Der Wassermann aalt sich in einer Badewanne auf Rädern. Und der Sturmriese herrscht über einen Haufen aus zusammengeklebten Staubsaugern, deren Schläuche sich wild in der Luft drehen und ordentlich Wind machen.
Vor hundert entfesselten Schulanfängern erlebte gestern "Peterchens Mondfahrt" im Theater an der Parkaue seine Premiere. Die Performance-Gruppe Showcase Beat Le Mot hat eine schräg-verspielte Variation des Märchen-Klassikers von Gerdt von Bassewitz auf die Bühne gebracht. Die Geschichte handelt von den Abenteuern des Maikäfers Sumsemann, der zusammen mit den Menschenkindern Peterchen und Anneliese zum Mond fliegt, um sein verlorengegangenes sechstes Beinchen zurückzuholen.
Zu Beginn tänzeln Nikola Duric, Thorsten Eibeler, Dariusz Kostyra und Veit Sprenger als fette Maikäfer auf die Bühne. Sie tragen bunte Kniestrümpfe, kurze Turnhosen, Glitzerblousons, riesige, stoffverkleidete Gummireifen als Rückenpanzer und Friedhofsrechen oder Staubwedel als Stirnfühler. Als die Handlung losgehen soll, wird es ein bisschen wirr. Die Maikäfer wollen zum Gedenken an ihren heldenhaften Vorfahren Sumsemann dessen Geschichte nachspielen. Zuerst werden in einer chaotischen Aktion mit dem Publikum die Rollen verteilt. Es gibt Lieder und Andachten, Biologie-Kurzvorträge und eingelesene Fetzen des Originalmärchens .... In der Pause backen die Akteure den Zuschauern in aller Ruhe Eierkuchen. Eine Superkonstruktion von Laufband befördert die Speisen quer durch den Saal und beinah direkt in die Münder. Das kann nie verkehrt sein.
Die Abenteuerreise gerät zum Stationsbetrieb. Dennoch bleibt der optische Aufwand eindrucksvoll. Lichteffekte wechseln mit Flugsimulationen durchs Sternenmeer (Video Alexeij Tchernyi). Auch die elektronischen Kompositionen von Mense Reents schaffen Atmosphäre. Beim Auftritt von Donnermann, Wassermann und Sturmriese sind die vier Männer wieder ganz in ihrem Element. Die Performer bedienen ihre imposanten, ulkigen Skulpturen. Diese sind die eigentlichen Stars der Aufführung.

Im Tempel des sechsten Beinchens

„Peterchens Mondfahrt“ als verspieltes Insekten-Ritual im Theater an der Parkaue
BERLIN - „Lobet den Sumsemann!“, rufen die vier Maikäfer. Und noch einmal: „Lobet den Sumsemann!“ Die vier humanoiden Insekten, mit Gummireifen auf dem Rücken und Spülbürsten-Fühlern auf dem Kopf, erklären das junge Publikum zur Maikäfergemeinde und fordern das Publikum im Theater in der Parkaue ein ums andere Mal: „Lobet den Sumsemann!“
Die Gruppe Showcase Beat Le Mot hat sich diese bizarre Rahmenhandlung für ihre Adaption von „Peterchens Mondfahrt“ einfallen lassen. In dem Märchenklassiker von Gerd Bassewitz fliegt der Maikäfer Sumsemann mit zwei Kindern zum Mond, um sein Beinchen zurückzuholen. Das war einem seiner Vorfahren vom einem Holzdieb abgehackt worden, der dafür von einer Fee samt Holz auf den Mond verbannt wurde. Und mit ihm das Beinchen, das auch allen Nachfahren des Unglückskäfers fehlte. Erst als Sumsemann Peter und Anneliese findet, zwei Kinder, die noch nie ein Tier gequält haben, darf er mit ihnen auf den Mond reisen, um das Körperteil zurückzuerobern. Seitdem haben die Maikäfer wieder sechs Beine.
Und das wird nun gefeiert, in einem Insektenritual, das Sumsemanns Abenteuer als trashige Ausstattungsrevue noch einmal rekapituliert. Ein Käfer bekommt ein blaues Schleifchen um, der andere eines in Rosa, und schon sind sie Peter und Anneliese. So läuft das bei Nikola Duric, Thorsten Eibeler, Dariusz Kostyra und Veit Sprenger, die sich noch nie dafür interessiert haben, hinter ihren Rollen zu verschwinden. Sofern sie überhaupt welche gespielt haben. Frühere Off-Theaterabende waren anarchistische Happenings, eine Mischung aus Tanz, Musikeinlagen und absurden Aktionen. Seit das Theater an der Parkaue auf die Idee kam, diese Truppe auf Kleinkinder loszulassen, bekommen ihre Arbeiten Struktur.
Erstes Ergebnis der Zusammenarbeit war der fantastische „Räuber Hotzenplotz“ im vergangenen Jahr, der dafür sogar bei „Impulse“ ausgezeichnet wurde, dem renommierten Festival des freien Theaters. „Peterchens Mondfahrt“ ist ähnlich verspielt, hängt aber öfter durch. Die gereimte Originalfassung, die als Spielvorlage dient, verträgt sich nicht mit der bewusst kunstlosen Form des Schau-Spiels. Der Text wird entweder runtergeleiert oder pathetisch aufgesagt. Beides ermüdet auf Dauer.
Die Aufmerksamkeit der Kinder gewinnt die Truppe immer wieder mit ihren Liedern und originellen Ausstattungsideen zurück. Als Sumsemann und die Kinder auf dem Mond von Naturgewalten geprüft werden, kommt zunächst der mit blinkenden Kanistern behangene Dariusz Kostyra auf die Bühne. Das ist der Donner. Der Wassermann fährt eine Badewanne mit einem Aufsatz aus Klos und Duschköpfen herein, und der Wind hat ein Rudel Staubsauger mit laut rotierenden Schläuchen dabei. Herrlich.
Dann ist erst mal Pause. Die Kinder tollen über die Bühne, die Performer backen für alle Pfannkuchen. Das ist lieb, dauert aber. Danach werden alle mit CD-Rohlingen versorgt, um im Kampf gegen den bösen Mondmann zu helfen. Der sieht auch großartig aus, trägt einen Flokatiteppich-Anzug und hat als Gesicht einen Gummireifen vor dem Kopf, bespannt mit Pullovern, die sich in der Mitte wie Lippen bewegen lassen. Auf Kommando blendet die Maikäfergemeinde den Fiesling nun mit den Silberscheiben. Das Beinchen wird zurückerobert, mit Spucke appliziert und dann geht’s zurück in den Tempel. Und während die Erzieher noch nicht wissen, was sie von der Show der virtuosen Dilettanten halten sollen, rufen die Kinder: „Lobet den Sumsemann!“